BELZIG - Das Johanniter-Krankenhaus in Belzig fürchtet angesichts der im ersten Quartal 2010 anstehenden Überprüfung der Leistungsentwicklung erneut die Schließung seiner geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung. Klinik-Geschäftsführer Torsten Grätz nutzte den jüngsten Sozialausschuss des Kreistages, um die Abgeordneten für die Situation zu sensibilisieren. Grätz bat sie so deutlich wie selten um politische Einflussnahme.
Der Landeskrankenhausplan sieht für eine geburtshilflich-gynäkologische Station 300 Geburten pro Jahr vor. Belzig hat sich stabil bei 260 bis 270 eingepegelt. „Mehr werden wir auch nicht erreichen in dieser Region, aber die Zahl 300 ist ohnehin durch nichts statistisch oder fachlich untersetzt“, sagte Chefarzt Peter Ledwon vor den Abgeordneten. „Man will effiziente Großkliniken etablieren und sucht einen Grund, um die kleinen zu schließen“, glaubt Ledwon. „Die Zahl stammt von Fachkollegen aus Schwerpunktkliniken, die von einer Zentralisierung profitieren. Diesen Quatsch muss man kippen!“
Unter Ledwons Leitung hat sich die Belziger Station mehr und mehr spezialisiert und zu einer kleinen Fachklinik gemausert. Selbst komplizierte Krebserkrankungen können dort mittlerweile operiert werden, was weit über eine durchschnittliche Grundversorgung hinausgeht. Allein jährlich 70 Brustkrebsoperationen samt Nachsorge sprächen für sich. Eine Schließung träfe genau jene Patientengruppen, denen weite Wege nicht zumutbar seien: Kreißende, Schwerkranke und Alte. Die nächste Frauenklinik ist 40 Kilometer entfernt, und niedergelassene Gynäkologen sind in der Region dünn gesät. „Beim Wegfall unserer Station bekommen wir zumindest in Sachen Geburtshilfe ein notfallmedizinisches Problem“, prophezeit Torsten Grätz. Schließungen, selbst wenn sie auf nicht zu rechtfertigenden Kriterien beruhen, so der Geschäftsführer, riefen immer den Eindruck mangelhafter Qualität hervor. „Das wäre ein fatales Signal. Denn bricht ein Teil weg, folgen bald die nächsten“, sprich Kinderstation.
Bewusstseinsveränderungen in zwei Richtungen mahnten Geschäftsführer und Chefarzt an. Zum einen müsste die magische Geburtenzahl von 300 für ein Krankenhaus in einer dünn besiedelten strukturschwachen Region als Überlebenskriterium aufgehoben werden. Zum anderen müssten künftig enorme Anstrengungen mobilisiert werden, um Belzig nicht nur als Wohnort für die „Generation 50plus“ attraktiv zu machen. „Wenn wir hier nur noch Altersmedizin in ausreichendem Maße praktizieren, werden ganze Bevölkerungsgruppen künftig von der Versorgung ausgeschlossen und wir machen aus der Region ein Altersheim“, fürchtete Torsten Grätz. „Ist dieser Verfall gewollt?“
Die Johanniter planten, 600 000 Euro in modernste OP-Technik für die gynäkologische Station zu investieren. Mit einem dadurch erweiterbaren Behandlungsspektrum könnten auch neue Patienten generiert werden. Die Pläne liegen jedoch auf Eis, berichteten die Klinikvertreter.
Dass die Landesregierung ernst mache, beweise der Fall Luckau. Dort ist die geburtshilfliche Abteilung gerade geschlossen worden.
Nach kurzer heftiger, aber einhelliger Debatte einigten sich die Abgeordneten aller Fraktionen im Ausschuss darauf, den Kreistag dafür zu gewinnen, sich bei der neuen Landesregierung klar für den Erhalt der Frauenstation im Johanniter-Krankenhaus Belzig einzusetzen. (Von Kerstin Henseke)