NIEMEGK - Tränen der Freude und der Rührung kullerten Siegfried Dalitz übers Gesicht, als ihm spät abends die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Niemegk ankündigt wurde. „Das ist eine sehr hohe Ehre. Ich bin sehr, sehr stolz darauf“, sagt der 84-Jährige bewegt.
Er ist der erste Bürger Niemegks, dem dieser Status – heute Abend – verliehen wird. Die hohe Auszeichnung überrascht den unermüdlichen Chronisten der Stadtgeschichte zu einer Zeit, in der er an seinem neunten Band schreibt. „Inhalt ist die Wende 1989 und alles was danach kam“, sagt der Senior. Im Computer ist vieles schon festgehalten, doch nicht ein einziges Blatt spukt er aus. „Der Drucker ist kaputt und für einen Auftrag an die Druckerei fehlt das Geld“, gibt sich Dalitz enttäuscht. Das Buch wäre der Abschluss eines Lebenswerks für sein Heimatstädtchen.
Früh fand Dalitz den Zugang zur Geschichte seines Geburtsortes. Als Lehrling in der Stadtkasse des Niemegker Rathauses wurde ihm beigebracht, mit Geld umzugehen. Auch Stenografie, Schreibmaschine schreiben und der Blick ins Archiv gehörten zur Ausbildung. „Schon damals habe ich mir Urkunden aus Dresden und Potsdam schicken lassen und sie übersetzt“. Während des Krieges wurde der junge Dalitz zur Luftwaffe eingezogen und zum Piloten für ein- und zweimotorige Flugzeuge ausgebildet worden. Kunstflug war sein Hobby. Wenn er eine Maschine steuerte, vergaß er die Welt um sich herum. „Erst als ich die Toten sah, wurde mir bewusst, was Krieg bedeutet“, sagt der Vater eines Sohnes. Nach Gefangenschaft und Aufenthalt in Bayern schaute Dalitz schon bald nach seinem Elternhaus in der Niemegker Schulstraße. Später war er in der örtlichen Tonwarenfabrik beschäftigt, half im Rathaus aus und führte mit seiner Frau acht Jahre lang die Gaststätte „Forellenklause“.
1965 wurde das Mitglied der CDU zum Bürgermeister von Niemegk gewählt. Bis 1990 blieb er Chef im Rathaus. Die Wohnblöcke in der Straße des Fortschritts und in der Großstraße, die Kinderkrippe in der Oppenschen Villa, der Sportplatz, der Kindergarten und etliche Straßen sind unter Dalitz’ Regie errichtet worden. Nur das Projekt des Kanalbaus war ihm nicht vergönnt. „Als ich die Pläne 1987 beim Rat des Kreises Belzig vortrug, bin ich vom Ersten Sekretär der SED-Kreisleitung, Genossen Gerhard Schuster, rausgeworfen worden“, erinnert sich Dalitz.
Zwei Jahre später fiel die innerdeutsche Mauer. „Die Wende ist in Niemegk ruhig verlaufen“, so Dalitz. Doch erinnert er sich an einen nervösen Besucher im Rathaus, der sich nach der Stimmung in der Bevölkerung erkundigte und sein Taschenmesser mit eingebauter Wanze vergaß.
Zu einem Disput mit einer Mieterin im „28-WE-Block“ kam es, weil sie meinte, unberechtigt des Stromklaus im Keller bezichtigt worden zu sein. „Das sage ich meinen Schwager, der ist bei der Stasi“, bekam das Stadtoberhaupt zu hören.
Ob des Verlaufs der Geschichte kann Dalitz über diese Episoden heute schmunzeln. „Schwierigkeiten aus der Wendezeit sind mir nicht bekannt. Ich hatte aber Bedenken, ob alles friedlich verläuft“, bekennt er. Jeden Tag gab es etwas Neues in dieser Zeit, die den Chronisten so bewegte, dass er ein ganzes Buch dazu schrieb.
Die Verleihung der Ehrenbürgerschaft findet heute, 18 Uhr, im Rathaus Niemegk statt. Sie ist öffentlich. (Von Gunnar Neubert)