POTSDAM / TELTOWER VORSTADT - Zu einer eigenen Gedenkveranstaltung anlässlich des Volkstrauertages hatten gestern die Potsdamer Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten eingeladen. „Uns stört, dass seit Jahren die offiziellen Gedenkveranstaltungen Zeitzeugen nicht zu Wort kommen lassen, und stattdessen Botschafter und Diplomaten die Deutungshoheit für die Geschichte ganzer Völker innehaben“, sagte Lutz Boede von der Kampagne. 20 Menschen trafen sich zu einer Lesung an der Mahnsäule für die Zwangsarbeiter auf dem Neuen Friedhof.
Während in den Vorjahren oft Zeitzeugen persönlich anwesend waren, wird dies laut Boede immer schwieriger. Viele der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges hätten mittlerweile gesundheitliche Probleme, die es ihnen unmöglich machten, nach Potsdam zu kommen. Die Kampagne hatte Eberhard Radzcuweit, Träger der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte, eingeladen. Als Gründer des Vereines „Kontakte-Kontakty e.V.“ steht er in Verbindung mit vielen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. „Noch nie durfte einer von ihnen auf einer Veranstaltungen des Bundestages zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus sprechen – obwohl die 3,3 Millionen Kriegsgefangenen nach den europäischen Juden die größte Opfergruppe sind und viele auf entsetzliche Weise ausgebeutet, gefoltert und umgebracht wurden“, sagte Radzcuweit. Er las aus Briefen ehemaliger Zwangsarbeiter vor. „Mein Herz fängt an zu bluten, wenn ich an jene schreckliche Zeit zurück denke“, schrieb Wladimir Margewskij. „Ich wundere mich, dass ich das Ganze überlebt habe und immer noch lebe.“ (scho)