POTSDAM / BABELSBERG - Es hätte wohl kaum einen besseren Platz für diese Buchvorstellung geben können als die Oberlinkirche in Babelsberg. Zur Lesung aus Werner Braunes „Erinnerungen eines Pfarrers an die DDR“ war das selbst vielen Babelsbergern unbekannte Gotteshaus auf dem Gelände des dort bereits seit 1874 heimischen Oberlin-Haus-Vereins gut gefüllt. Dabei wirkten an diesem Abend die Rollstuhlfahrer noch vor der ersten Reihe der Kirchenbänke direkt neben dem Tisch mit Moderator Martin Jeutner von der Stephanus-Stiftung und seinem Gast Pfarrer Braune wie eine Symbolik. Das Gespräch der beiden Männer über das Leben in der DDR „Abseits der Protokollstrecke“ wurde, wie man an den Gesichtern der ungläubig staunenden Zuhörer sah, eine spannende und oftmals sogar unerwartet unterhaltsame Angelegenheit.
Der pensionierte Pfarrer ist nicht nur ein sehr präzise schreibender geistvoller Chronist, sondern er gab auch plaudernd Kostproben seines trockenen, unprätentiösen Humors. Das kam gut an, und so konnte man immer wieder Menschen beobachten, die bei seinen Schilderungen aus dem Alltag eines Christen in der DDR glaubten, sich verhört zu haben und deshalb Blickkontakt zum Nachbarn suchten.
Braunes Stärke ist sein Maß. Zu keiner Zeit hatte man das Gefühl, einem gnadenlosen Richter und Verdammer oder aber einem unbelehrbaren Verharmloser der DDR-Diktatur gegenüber zu sitzen. Braune schilderte und beschrieb nur, mal nüchtern und dann wieder mit unverhohlener Ironie. All dies aber war Anklage genug. Vielen in der Kirche stockte schier der Atem als der Kirchenmann berichtete, wie ein Trupp Stalinisten – angeführt vom späteren ZK-Mitglied Konrad Naumann – 1953 die Hoffnungstaler Anstalten der Diakonie in Lobetal mit Hilfe der Polizei und Stasi besetzte und dabei auch in das Arbeitszimmer des Vaters eindrang. „Sie haben Kartoffelschalen fotografiert und wollten die Anstalt in Besitz von Partei und FDJ bringen“, berichtete Braune. Kurios auch die Geschichte des Hauses, in dem Braune 1936 geboren wurde. Genau in diesem Haus der Hoffnungstaler Anstalten fand 1990 Erich Honecker für zwei Monate Unterschlupf und Schutz vor dem berechtigten Zorn vieler seiner früheren Untertanen. Der gleiche Honecker, der zum Beispiel in einer persönlichen Weisung an seine Bürobüttel befohlen hatte, die Vorschläge zum Bau weiterer kirchlicher Kitas „prinzipiell abzulehnen“.
Fast schon makaber war auch, dass die Familie Holmer, mit der die Honeckers nun das Haus teilten, besonders unter dem Wirken der Volksbildungsministerin Margot Honecker gelitten hatte. Den Kindern der Holmers war in den ach so glücklichen, von Geborgenheit nur so strotzenden DDR-Tagen der Zugang zur Erweiterten Oberschule, dem heutigen Gymnasium, verweigert worden. (Von Lothar Krone)