
Solche Liebesgrüße von vermeintlichen Ur-Berlinern an Zugereiste haben inzwischen Tradition. Foto: dpa
POTSDAM - Die schwarzen Plakate in Din-A3-Größe kleben seit ein paar Tagen an Häuserwänden, Mülltonnen, Litfaßsäulen und Verteilerkästen. In dicken Lettern tragen sie eine Botschaft, die 20 Jahre nach dem Mauerfall nachdenklich stimmt: „Wir sind ein Volk! Und ihr seid ein anderes. Ostberlin, 9. November 2009.“ Keine Internetadresse, keine Signatur verweist auf den Urheber der Poster.
Da der Urheber unbekannt ist, weiß derzeit auch keiner, gegen wen oder für was sich die Tapeziererei im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg richtet. Aber der Verdacht liegt auf der Hand, dass es einmal mehr um das im Kiez nicht bei allen wohlgelittene Volk der Schwaben geht. Mit dem nämlich möchten sich die mutmaßlich alteingesessenen Urheber der Plakate auch 20 Jahre nach der Wende nicht vereinigen.
Schwaben, wegen ihrer unterstellten Neigung für Biokost gerne auch Öko-Schwaben genannt, stehen stellvertretend für zugezogene Wessis. Egal, ob sie aus Köln, Hamburg oder Würzburg kommen. Als pauschaliertes Hassobjekt müssen sie nur deshalb herhalten, weil sie alles können, außer Hochdeutsch. Sie sind daher für den Ostberliner sofort als Zugezogene erkennbar, wenn sie nur den Mund aufmachen. Regelmäßig zur Weihnachtszeit tauchten in den vergangenen Jahren anonyme Plakate auf, die den Zugezogenen eine gute Heimreise wünschen: „Stuttgart-Sindelfingen 610 km – Ost-Berlin wünscht gute Heimfahrt“, stand dann etwa zu lesen.
Rund 80 Prozent der einstigen Bewohner, schätzen Soziologen, seien seit der Wende ausgetauscht worden. Mehr oder weniger freiwillig. Die Arbeiter zogen aus den maroden Häusern mit den Ofenheizungen und den Toiletten auf halber Treppe. Für Alternative und Studenten wurde der Kiez wegen der niedrigen Mieten attraktiv. Sie belebten das Viertel, verschafften ihm einen Ruf als Szenekiez, was wiederum neue Investoren lockte. Inzwischen ist fast jeder Dachboden zum Luxusgeschoss ausgebaut. Entsprechend hoch sind die Mieten.
Mehrere Initiativen kämpfen inzwischen gegen Luxusbebauungen. Vergangenen Samstag demonstrierten 1500 Menschen gegen einen geplanten Häuserriegel auf Teilen des Mauerparks, der nach der Wende auf dem ehemaligen Todesstreifen entstanden ist. Die Anliegerinitiative „Marthashof“ macht Front gegen das gleichnamige Bauprojekt, das schräg gegenüber des Parks als innerstädtisches Luxusdorf aus einer Baulücke wächst. Die linksautonome Szene begnügt sich dagegen nicht mit Demonstrationen im Kampf gegen Verdrängung im Kiez, wie die anhaltende Serie von Brandanschlägen auf Autos in Berlin zeigt.
Brennende Autos? Das Internetprojekt „Es regnet Kaviar“ geht einen anderen Weg und empfiehlt etwa, ein Unterhemd und Discounter-Tüten ins Fenster zu hängen. Das wirke asozial und drehe die Mietspirale bestimmt nach unten. „Da bekommt jeder Investor das Fürchten!“
Von den antischwäbischen Plakaten werden sich wohl weder Investoren noch die ungeliebten Zugezogenen vertreiben lassen. Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) ist dennoch alarmiert. „Unsäglich“, findet er die Poster. „Das ist eine Form von Ausgrenzung. Und Ausgrenzung ist immer falsch.“ Auch er weiß nicht, wer hinter der Aktion steckt. Aber den Wandel im Kiez bewertet er grundsätzlich positiv. „Ich verstehe gar nicht, warum man sich über Veränderungen zum Guten so aufregen kann.“ (Von Torsten Gellner)
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