ROHRBECK - Als Heike Seger vor fünf Jahren nach Neu-Rohrbeck zog, stellte ihr Mann sie vor die Wahl. „Entweder“, sagte er, „du nimmst dein Motorrad auseinander und setzt es wieder zusammen. Oder du schaffst dir ein Hobby an.“ Zum Schrauben hatte Heike Seger keine Lust. Also begann sie, was die einen als gewitztes Recycling bezeichnen würden, andere als Bastelmanie.
Mittlerweile sieht die 48-Jährige einen Baum nicht mehr nur als schöne Pflanze, sondern auch als Materialquelle. Niemals würde sie einem lebendigen Gewächs Glieder ausreißen. Die Toten jedoch, die zersägt und durchlöchert sie. Sie windet sie in Kränze, Gestecke, Mobilés, klebt sie auf Papierkugeln, auf alte Vasen und legt sie in ihren Schuppen. Der scheint jetzt zur Adventszeit fast zu platzen. Heike Seger, kurze blonde Haare, blaue Augen, rosa Lippenstift, Brille im Haar, steht inmitten ihrer selbstproduzierten Dekoration und strahlt mit den goldenen Ranken und dem Feuer im Ofen um die Wette. „Ich nehme das, was sonst weggeworfen wird“, sagt sie. Ihre Beute bringt sie von Spaziergängen mit, klaubt sie aus dem Garten oder von Nachbars Komposthaufen. Holzschnitt und Kiefernnadeln, Buchenblätter und Lindenpropeller, alles wird genutzt.
So auch sämtliche Bestandteile der Kastanie. Die Baumfrüchte liegen auf vielen Tischen herum. Heike Seger aber nimmt auch die Schalen und macht daraus eine Schüssel. An der Rinde befestigt sie einen Kerzenleuchter. Die Stiele der Blätter bindet sie zu Garben, aus denen Tannenzweige herausgucken. Und die Häutchen zwischen Kastanienfrucht und grüner Schale zieht sie ab und verarbeitet sie zu wundersamen Kugeln. „Voll cool, oder?“, sagt sie, freut sich – und hat irgendwie recht.
Selbstverwirklichung findet die dreifache Mutter ein doofes Wort, doch ganz klar geht es ihr auch darum. „Und ich will den Leuten die Natur etwas näher bringen. Das, an dem so viele achtlos vorbeigehen“, sagt die frühere Spandauerin. Gelernt hat sie nicht Floristik, sondern Verkäuferin. Sie arbeitete in der Gastronomie, war zuletzt 15 Jahre Personalrätin im öffentlichen Dienst. Nicht gerade Berufe, bei denen Kreativität gefragt ist. Vielleicht ist Heike Segers Schöpfungskraft deshalb nach dem Umzug aufs Land so explodiert. „Hier habe ich endlich Platz“, sagt sie.
Und so schneidet und knipst und bindet sie neben ihrem Job als Tagesmutter, hantiert mit Hammer und Klebepistole neben Tannengrün und dem Eimer voller Kerzen – dem Weihnachtsvorrat. Zweimal im Jahr stellt sie ihre Werke aus. Für Freunde und Bekannte, und den, der mag. „Das hat auch schon ein bisschen mit Kunst zu tun“, sagt Heike Seger. Aber Kekse gibt es auch, selbstgebacken natürlich, und handgebrühten Kaffee. Garantiert frisch. (Von Jana Einecke)