BERLIN - Vier Mal hat Valerij Todorowskij die Bühne des Moskauer Operetten-Theaters mit leeren Händen betreten. Vier Mal hat der Regisseur sie mit der goldenen Nika in der Hand wieder verlassen. Die geflügelte Statue der Siegesgöttin ist die höchste Auszeichnung für Filmemacher, eine Art russischer Oscar. Erhalten hat sie Todorowskij für seine Musikkomödie „Hipsters“, die in Russland unter anderem als „Bester Film des Jahres“ punkten konnte.
Auch auf dem Festival des osteuropäischen Films in Cottbus erfreuten sich die Zuschauer noch vor kurzem an der Geschichte um den jungen Kommunisten Mels, der im Moskau der 1950er Jahre die bunten, lauten und Swingmusik hörenden „Hipsters“ kennenlernt. Er verliebt sich in die schöne Polly und wechselt die Seiten. Aber bei den „Andersdenkenden“ ist es nicht nur lustig – sie leben unter Beobachtung.
Die gewagte Mischung aus mitreißender Musik, Tanzeinlagen, aufwendigen Kostümen und gutem Schauspiel kommt heute Abend als Directors Cut im Berliner Kino International auf die Leinwand. Anlass ist die Eröffnung der 5. Russischen Filmwoche. Bis zum 2. Dezember sind elf bedeutende Produktionen zu sehen, die auf unterschiedliche Art und Weise die Entwicklungen der Gesellschaft und des russischen Kinos zeigen.
Letzteres leidet stark unter der Finanzkrise: Hat die größte Filmschmiede Osteuropas 2008 noch annähernd 200 Drehbücher verfilmt, waren es in diesem Jahr nur noch knapp 70. Aber das hat auch etwas Gutes: Eisensteins Erben trotzen der Krise. Sie machen mit Experimenten, die wenig kosten, aber mitnichten billig sind, auf sich aufmerksam. So wie Iwan Wyrypajew, dessen zweiter Spielfilm „Sauerstoff“ eine Montage aus Musiksequenzen, Rap-Erzählungen und Animationen ist. Der Regisseur erzählt vom Dorfjungen Sascha, der in Moskau der gleichnamigen Sascha verfällt. Ohne sie will er nicht mehr leben. Ausgehend von dieser Geschichte untersucht Wyrypajew in Videoclips die zehn Gebote auf ihre Alltagstauglichkeit.
Vertraut dürfte so manchem die Vorlage für „Krankenzimmer Nr. 6“ sein, die gleichnamige Erzählung von Anton Tschechow. Darin wird der Chefarzt einer psychiatrischen Provinz-Klinik zum eigenen Patienten. Filmemacher Karen Schachnasarow lässt die Handlung im Russland der Gegenwart spielen. Einem neuen Trend folgend rekonstruiert er das Schicksal des Doktor Ragin im halbdokumentarischen Stil anhand von Interviews, Rückblenden und Erinnerungen von Weggefährten. Fast ausschließlich in einer echten psychiatrischen Anstalt mit Patienten und nur wenigen Schauspielern gedreht, überrascht vor allem die Aktualität der Vorlage. Dies ist wohl auch ein Grund, warum Schachnasarows Beitrag Russland beim Wettbewerb um den „Oscar für den besten fremdsprachigen Film“ vertreten wird.
Russische Filmwoche Berlin, ab heute bis 2. Dezember, in den Kinos International und Broadway sowie im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur. www.russische-filmwoche.de (Von Barbara Breuer)