PERLEBERG - Über „Opposition und Widerstand in der Prig-nitz“ sprach der Historiker Christian Halbrock von der Birthler-Behörde am Donnerstag beim 7. Themenabend im gut besuchten Café des Perleberger DDR-Geschichtsmuseums. Wie er sagte, ist der Widerstand gegen die SED-Diktatur in der Provinz bisher kaum untersucht worden. Er stellte klar, dass die Herausforderungen an jeden in Schule und Betrieb alltäglicher Art waren – verhalte ich mich menschlich, schweige ich oder leiste ich Widerstand. Die Reaktionen des DDR-Staates darauf waren abhängig von der Zeit und den Umständen. So wurde in den 50er Jahren die evangelische Kirche massiv unterdrückt, weil man den Einfluss der Jungen Gemeinden auf die Jugendlichen zurückdrängen wollte.
Später verhielt sich der Staat differenzierter. So entschied die Staatssicherheit, dass Hans-Peter Freimark, seit 1978 Pfarrer in Neustadt (Dosse) und jetzt Leiter des DDR-Museums, wegen seiner damaligen Aktionen nicht verhaftet, sondern „zersetzt“ werden sollte. Halbrock berichtete auch von einem Geschehnis am 1. Mai 1978 in Wittenberge, bei dem sich Jugendliche nach einem Diskobesuch eine Auseinandersetzung mit der Polizei lieferten.
An der sich anschließenden Podiumsdiskussion beteiligten sich der aus Perleberg stammende Historiker Joachim de Haas, Hans-Peter Freimark und Peter Grimm, Redakteur der Zeitschrift „Horch und Guck“. De Haas berichtete, dass ihn 1983 als 17-jähriger das Umweltthema bewegte. Aus der Jungen Gemeinde Perleberg heraus gründete sich eine Umweltgruppe, die sich mit den ökologischen Problemen beschäftigte, welche das Zellwollewerk in Wittenberge verursachte. Sie versuchten Informationen über verseuchtes Trinkwasser in umliegenden Gemeinden zu erlangen. Sie sprachen deshalb mit Betroffenen, die nur Mineralwasser trinken durften, wobei einer von ihnen alles umgehend der Staatssicherheit berichtete: „Wir spürten den Frust der Bewohner und ihre Dankbarkeit für unser Interesse.“
Freimark erklärte zu seiner Motivation: „Meine Frau und ich mussten etwas tun. Wir konnten nicht schweigen zu dem, was passierte. Aber wir hatten auch Angst.“ So hängte er mehrfach Transparente am Kirchturm aus, fuhr sein Barkas mit dem Logo „Schwerter zu Pflugscharen“ durch die DDR – immer unterwegs fotografiert von der Staatssicherheit. Als 1983 in Neustadt eine Atomwaffen-Zivilschutzübung stattfand, zogen Freimarks einen Sarg mit der Aufschrift „Atomwaffen sind totsicher“ durch die Stadt. Peter Grimm war erstaunt, dass in Neustadt Dinge möglich waren, die anderswo schon im Ansatz verhindert wurden. Freimark konnte nur vermuten, dass man Angst hatte, mit seiner Verhaftung einen Helden zu schaffen.
Grimm verwies darauf, dass der Schutzraum der Kirche entscheidend für den Widerstand war: „Erst die Verteidigung dieses Schutzraumes hat eine Kultur des Widerstands hervorgebracht. Freimark testete in einem Maße die Grenzen dieser Freiräume aus, wie es kaum einer seiner Amtsbrüder wagte.“ Freimark selbst schloss an: „Was sagt uns das, was wir erlebt haben: Demokratie muss immer wieder neu gestärkt werden.“
In Heft 65 der Zeitschrift „Horch und Guck“ ist ein Beitrag über Hans-Peter Freimark zu lesen. Weiteres im Internet unter www.hoch-und-guck.info. (Von Wolfram Hennies)