Michael Hirte – das war vor einem Jahr wie ein modernes Märchen. Ein Mittvierziger auf Hartz IV, wegen eines Unfalls humpelnd und auf einem Auge blind, ist als Straßenmusikant Stammgast auf der „Brandenburger“. Irgendwann meldet er sich bei einem TV-Talentewettbewerb an. Geht auf die Bühne, kuckt auf die gestrenge Jury wie ein scheues Bambi und zückt seine Mundharmonika. Einige Wochen und „Ave Marias“ später ist ihm gelungen, was vor ihm wahrscheinlich nur Verona Feldbusch mit ihren Scheidungsforderungen vollbracht hat: Juror Dieter Bohlen fast die Tränen in die Augen zu treiben. Michael Hirte wird „Deutschlands Supertalent“. Und wenn ihn seine Fans nicht zu Tode geknutscht haben, dann sitzt er heute in einer Luxusvilla mit coolem Whirlpool und heißen Häschen und spielt sich eins auf seiner vergoldeten Mundharmonika. Oder?
Das Obstgut Marquardt an einem schönen Sonntagvormittag; die Herbstsonne streichelt das gelbe Novemberlaub. Michael Hirte wartet schon auf dem Parkplatz, neben ihm zwei Frauen in Windjacken. „Eine Nachbarin aus Kartzow“, stellt er eine der Damen vor. Die andere, so vermutet man, ist wohl seine Managerin. Hirte ist verblüffend unauffällig: Pullover-Käppi-Einheitskluft. Und gleichzeitig unglaublich auffällig. Zum Beispiel seine Augen, denen man keinerlei Behinderung ansieht. Sehr groß, grau und freundlich sind sie. Und müde. „Vorgestern eine Gala in Innsbruck, gestern mit dem Auto zu einem Auftritt in Dresden, und heute geht’s weiter Richtung Norden.“
Aber jetzt ist erst mal der Zwischenstopp im Obstgut, wo er begrüßt wird wie der lang verschollene Sohn. „Mensch, Micha!“, „Ey, Micha!“ Der Mann im Imbissstand umarmt ihn; genauso wie Obstbauer Ruden. Und als die Jungs von der Potsdamer „Oldie Band“ aus ihren Autos klettern, kann man fast Rührung spüren. Hier auf dem Hof haben sie sich einst kennengelernt, oft gemeinsam gerockt. Jetzt stehen sie zum ersten Mal seit langem wieder zusammen, lassen die Zigarettenschachtel mit den Selbstgestopften reihum gehen und „Micha“ erzählt. „Ein neues Auto hab ich mir gekauft, ’nen Citroen, Diesel – das ist billiger.“ Tja, klingt nicht nach Luxuskarre zum Mädelsabschleppen. Aber der Citroen-Besitzer lächelt stolz. Diese Freiheit, einfach in einem nagelneuen Auto von A nach B fahren zu können, ist für ihn wahrer Luxus. „Früher hieß es immer: Bis dass der Tüv uns scheidet.“ Und er brauchte ein Gefährt, wegen der Gehbehinderung.
Um ein bisschen Auto-Geld zu verdienen, setzte er sich eines Tages auf die „Brandenburger“ neben die Familie Grün und tat das, was er schon getan hatte, als er noch ein Junge war oder später als Betonierer-Lehrling im Spreewald, auch als NVA-Soldat, als Lkw-Fahrer im Westen und als Betreuer einer Seniorenwohngemeinschaft in Potsdam: er spielte. Nur eben jetzt auf der Straße vor wildfremden Menschen. „Am Anfang“ war’s schon ’ne echte Überwindung.“ Ab und zu ging er in die Potsdamer Suppenküche. An den Sonntagen war er manchmal in der Kirchengemeinde der Baptisten, bei denen die Erwachsenentaufe üblich ist. Dort spielte er christliche Musik; ließ sich taufen. Noch heute ist ihm der Glaube sehr wichtig. Und irgendwann bewarb er sich bei „Supertalent“. Nicht mit dem Gedanken, Star zu werden. „Ich hab gehofft, dass ich vielleicht ein Lied auf ’ner CD machen kann und dann ein bisschen von meinen Schulden loswerde.“ Manchmal saß er in Kartzow und kuckte in den Himmel, auf die Flugzeuge Richtung Tegel. Geflogen war er bis dahin noch nie.
Heute würde er bei einer Vielflieger-Hitparade locker vorn liegen. Sein erster Flug ging von Berlin nach München. Ein Fernsehteam war mit, um die Premiere zu dokumentieren. „Micha, kuck mal in die Kamera“, hieß es dauernd. Doch „Micha“ wollte mal keine Männchen machen. „Nee, das ist mein allererster Flug, da will ich sehen, was draußen passiert.“
Ansonsten passiert nun in seinem Leben meist nicht viel mehr als Arbeiten. Und Warten, besonders vor großen Events: „Für drei Minuten Live-Auftritt muss man schon drei Tage vorher anreisen. Einmal am Tag hat man zehn Minuten Probe, dann wartest du wieder. Und dann hast du deinen Auftritt und das wars.“ TV-Shows, Charity-Galas, Konzerte in kleinen Kirchen und vor 30 000 Menschen – Hirte hat alles erlebt.
Als er einmal gegenüber Journalisten anklingen ließ, dass das alles zwar toll, aber auch kein Honigschlecken sei, wurde ihm das sofort als Undank ausgelegt. Solche Fehlinterpretationen haben ihn misstrauisch gemacht. „Nein, dazu sage ich nichts“, antwortet er oft beim Interview im Café des Obstgutes, wo er an einem Heißgetränk nippt. Und er zögert auch bei der Frage, ob der Titel seiner neuesten CD – „Der einsame Hirte“– eine persönliche Anspielung sei. Nein, winkt er ab, nur ein Titel von James Last. Aber dann räumt er ein, dass er seinen Hauptwohnsitz mittlerweile mit „Hotel“ angeben könnte. Zumindestens sein Herz ist nun nicht mehr heimatlos. Im vergangenen Jahr hatte seine zerbrochene Ehe noch die Gazetten beschäftigt. Nun stellt sich heraus, dass die junge Frau an seiner Seite – die vermeintliche Managerin – seine neue Freundin ist. Bei einem Konzert haben sie sich kennengelernt.
Jenny – hübsch, mit halblangem Haar und offen-fröhlichem Lächeln – ist keine Blitzlicht-Tussi: „Bitte keine Fotos von mir; ich will nicht in die Öffentlichkeit.“ Stattdessen kümmert sie sich lieber um das Allerheiligste: ein Köfferchen mit fast 30 Mundharmonikas in allen Tonarten. Auch um den Hals des Musikers baumelt eine „Mini-Mundi“: „Die haben mir Fans geschenkt – als Glücksbringer.“ Der sonst so Wortkarge blüht auf. Und wie steht’s mit Dieter Bohlen? Show vorbei, tschüss, auf Nimmerwiedersehen? – Nein, noch heute telefonieren sie regelmäßig, und der angebliche „Menschenfresser“ Bohlen gibt Überlebenstipps fürs Showbusiness.
So. Genug erzählt. Draußen auf dem Hof warten eine Zigarettenpause und die „Oldie Band“. Die Jungs schnappen sich ihre Instrumente, Micha spielt ein paar Töne an. Kein „Ave Maria“, sondern Rock: „Lucille“. Und plötzlich steht da ein ganz veränderter Mann. Einer, der beim Spielen die Augen unwillkürlich schließt; völlig versunken und eins mit seinem Instrument ist. Als habe er tief in sich drinnen eine kleine, stille Kammer, in die er sich zurückzieht. Michael Hirte sieht glücklich aus.
Konzert am 1. Dezember ab 20 Uhr im Berliner Tempodrom. Als Gast dabei: „Jongleur Kelvin Kalbus. (Von Ildiko Röd)