RIBBECK - Das Schloss Ribbeck ist kein Literaturmuseum, der passende Ort für Christine Gräfin von Brühl, um ihr neues Buch vorzustellen, ist es allemal. Beide haben irgendwie einen Knick in ihrer Biografie: Das Schloss war lange keines und versucht auch nach der Sanierung nicht, in seinem Innern eines zu imitieren. Die Gräfin ist immer noch eine Gräfin, obwohl vieles in ihrer Biografie so ganz und gar adelsuntypisch war. „Out of Adel“ heißt deshalb ihr neues Buch, in dem sie ihren Weg beschreibt. Im Aufbauverlag ist das Buch erscheinen, Sonntag wird es druckfrisch und erstmals in der Öffentlichkeit vorgestellt – in Ribbeck.
Nach dem Buch „Noblesse oblige. Die Kunst, ein adliges Leben zu führen“ ist „Out of Adel“ ein weiterer gedruckter Versuch der Autorin, ihre blaublütige Herkunft zu vermarkten. Sie nennt ihr Buch „Roman“, bleibt aber ganz dicht an der eigenen Biografie. Die ist durchaus ungewöhnlich.
Das beginnt schon bei der Geburt: Christine Gräfin von Brühl wird als Tochter eines deutschen Diplomaten in Accra, der Hauptstadt von Ghana, geboren. Sie wächst in Brüssel und London auf, wo über der Familie ein gewisser Mick Jagger wohnt. Die junge Frau geht am Wochenende auf die Tanzbälle der Adelsfamilien, in der Woche läuft sie bei linken Demonstrationen mit. Sie verbringt ein Jahr in Singapur, kommt Anfang der achtziger Jahre nach Polen, als das diplomatische Karussell ihren Vater nach Warschau verschlägt. Hier studiert sie ein Jahr Slawistik an der Katholischen Universität in Lublin, ehe sie dann doch standesgemäß in Heidelberg und Wien die Universität besucht und schließlich über Anton Tschechow promoviert.
Der Blick nach Osten bleibt ihr erhalten, sie geht nach der Wende nach Dresden, wo einer ihrer Vorfahren in den Brühlschen Terrassen seine berühmte Spur hinterließ. Die Ostliebe geht bei der jungen Frau sogar soweit, dass sie sich einen alten Wartburg kauft. Sie arbeitet als Journalistin, schreibt für die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Berlin und schreibt Bücher.
Der Mann in „Out of Adel“ heißt Schrat, den bohemeumwitterten Maler hatte die Buchgräfin in Dresden bei einer Ausstellungseröffnung kennen gelernt. Bis zur Heirat war es kein leichter Weg, denn standesgemäße Ehen werden im Adel anders geschlossen. Wir ahnen es: Da kommt es weniger auf die Liebe, als vielmehr auf den richtigen Platz im Adelskatalog, dem berühmten Gotha, an. Christine Gräfin von Brühl heiratet trotzdem ihren ostdeutschen Maler, dessen Eltern ein Zeugen-Jehovas-Ehepaar in Thüringen sind.
Das ist wahrlich eine ganze Kette von ungewöhnlichen Aspekte: Diese Gräfin heiratet einen absolut nicht standesgemäßen Mann, sie studiert in Polen und verdient ihr Geld selbst. „Auch der Begriff ,Intellektueller' gilt unter Standesgenossen keineswegs als Auszeichnung. Das könnte ja etwas mit Kommunismus zu tun haben.“ Aber all die spannenden Konstellationen haben leider kein spannendes Buch hervorgebracht. Aussagen wie „Diese Studienzeit in Polen sind bis heute die wichtigsten Jahre meines Lebens“ werden zwar getroffen, aber nicht nachvollziehbar beschrieben; vielmehr wird der Leser über unzählige Seiten mit den Hochzeitsvorbereitungen oder der Weihnachtsbaumschmückung beschäftigt. Behäbig, banal und mit abgegriffenen Formulierungen lässt die Gräfin die Leser durch ihre Lebensstationen mäandern.
Der Roman „Out of Adel“ erscheint im Gustav-Kiepenheuer-Verlag (Aufbau-Verlag), hat 220 Seiten und kostet 18,95 Euro. (Von Marlies Schnaibel)