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01.12.2009

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LITERATUR: Finale der Gewaltspirale

Historiker über Stalins Terror 1937

POTSDAM / NAUENER VORSTADT - Als ein mörderisches Jahr ging 1937 in die sowjetische Geschichte ein. Mehr als 1,5 Millionen Menschen wurden verhaftet, rund 700 000 getötet. Nahezu jede dritte Familie sei damals von Stalins Terror betroffen gewesen. Nach Bürgerkrieg, Hungersnöten, Deportationen und Zwangskollektivierungen bezeichnete der Osteuropahistoriker Karl Schlögel 1937 als „Finale in der Gewaltspirale“ der Sowjetunion.

Am Sonntag präsentierte Schlögel auf Einladung des Brandenburgischen Literaturbüros in der Villa Quandt seine umfangreiche Studie „Terror und Traum – Moskau 1937“, für die er im Frühjahr den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt.

In 40 Szenen schildert Schlögel die sowjetische Metropole zu einer Zeit, als die stalinistische Schreckensherrschaft begann. Dabei konzentriert sich der an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina lehrende Professor auf die „Menschenlandschaft“ der „amorphen Maximum-City“. Er habe die Ereignisse einer Geschichtsschreibung entreißen wollen, die sich mit Beschlüssen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei befasst, sagte Schlögel im Gespräch mit dem ehemaligen MAZ-Herausgeber Alexander Gauland. Schlögel las in der Matinee eindrucksvolle Passagen aus seinem Buch, unter anderem einen Brief, den der einstige Stalin-Vertraute Bucharin im Dezember 1937 aus dem Gefängnis an den Diktator schrieb. Darin bat Bucharin, dem ein Schauprozess wegen angeblicher Spionagetätigkeit bevorstand, um „Barmherzigkeit“ – konkret um Morphium statt Kopfschuss. Sollte er am Leben bleiben dürfen, möchte man ihn in die USA ausweisen, um dort Trotzki bekämpfen zu können. Bucharin wurde 1938 hingerichtet.

Warum sich das System selbst seiner führenden Köpfe beraubt und damit einen „dauernden Selbstmord“ (Gauland) begangen habe, wusste auch Schlögel nicht abschließend zu beantworten. Die „Zerstörungskraft“ sei Resultat einer „aus den Fugen geratenen Gesellschaft“, die sich seit 1914 im „permanenten Kriegszustand“ befunden habe, deren Autoritäten und Strukturen „zusammengebrochen“ waren. Ohne dem Stalinismus positive Seiten abgewinnen zu wollen, schildert Schlögel auch kulturelle und ingenieurtechnische Leistungen der 1930er Jahre. Dazu zählten Filmkunst von Dziga Vertov („Wiegenlied“) oder Sergej Eisenstein („Alexander Newski“) und große Bauprojekte wie der Moskau-Wolga-Kanal. Schlögel berichtete von der „verwirrenden“ gleichzeitigen Existenz von Gewalt und Aufbruch, von Innovation und Sklavenarbeit.

info Karl Schlögel: „Terror und Traum – Moskau 1937“, Carl Hanser Verlag München, 811 Seiten (Von Ricarda Nowak)


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