POTSDAM / BERLINER VORSTADT - „Ich bin der Kuli-König von Potsdam“, sagt Günther Müller. Und jeder, der Müllers Leidenschaft näher kennt, gönnt ihm die Selbstkrönung – ohne blaue, schwarze, rote oder grüne Abstriche. Denn wenn der stämmige Fürst seinen Titel durch Werfen der Schreibgeräte verteidigen müsste, würde ihm die Munition so schnell nicht ausgehen: 153 482 Kugelschreiber lagerten in Müllers Arsenal – bis vor wenigen Tagen. Denn da kam schon wieder Nachschub. Oberbürgermeister Jann Jakobs lieferte frische Ware im halben Dutzend, darunter ein elegantes Modell im Slim-Design. „Den habe ich von der jüngsten Dienstreise nach Israel mitgebracht“, sagt Jakobs bei der Übergabe. Der Grund für Jakobs’ Audienz beim König: Müller hat ein neues Reich, einen Kellerpalast sozusagen. In der Rubensstraße 6 in der Berliner Vorstadt hat er Quartier genommen. Als Müller seine alten Ausstellungsräume in einem Haus der Genossenschaft „Karl Marx“ räumen musste, leistete der bürgerliche Stadtlenker Jakobs dem König der vieltausend Schreibgeräte Amtshilfe. Ein vermittelndes Gespräch half, um seitens der Pro Potsdam den Keller für Müller – gegen reguläre Miete – bereitzustellen. Die soll nicht gerade preiswert sein, doch der Sammler macht „gute Mine“: „Es sind schöne Räume und gut geeignet für meine Ausstellung.“ Seit 1998 sammelt er. Damals hatte ein Medienbericht einen Potsdamer als Rekordhalter im Kuli-Sammeln gerühmt – mit etwas mehr als 380 einsamen Stiftlein. „Damals hatte ich schon mehr als 3000. Dann habe ich nochmal richtig losgelegt“, erinnert sich Müller. Seit 1998 ist er Mitglied im „Club der Kugelschreibersammler Deutschland“. Die Vitrinen in der Rubensstraße strotzen von solcher Vielfalt an Kulis, dass selbst die Wortgewalt der Hofberichterstatter an diesem kulinärrischen Königreich zu scheitern droht: Alle Nuancen des physikalischen Farbenspektrums stürmen auf das Auge ein. Dazu gibt es dutzendfach das exakt gleiche Modell aus den Niederlanden, doch jedes Mal mit anderer Aufschrift. Andere Schreiber dagegen rülpsen auf Federdruck oder tragen ein kleines Grinseköpfchen mit grellgrünem Haupthaar. Seltene Schreiber aus der größten DDR der Welt und anderen Winkeln der Erde lohnen ebenfalls den kostenlosen Besuch. Der ist derzeit möglich mittwochs und freitags jeweils von 14 bis 17 Uhr in der Rubensstraße 6. Müller bittet um vorherige Anmeldung unter 0152/077 08 431. (Von Sven Rosig)