POTSDAM / INNENSTADT - Nach der Kritik des Baudezernenten Matthias Klipp (Grüne) an den Umbauplänen für die Stadt- und Landesbibliothek haut sein Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung, Oliver Graumann, in dieselbe Kerbe. In einer sehr gut besuchten Bürgerversammlung der Reihe „Potsdam im Dialog“ im Alten Rathaus pflichtete er gestern Abend ausdrücklich der grundsätzlichen Kritik eines Vorredners an dem Projekt bei. Der Architekturprofessor Ludger Brands hatte eine grundsätzliche Umkehr der Hierarchie gefordert: Stadtgrundriss und Innenstadtqualität vor dem Einzelobjekt. Die Bibliothek, deren vorgehängte Fassade zum Platz der Einheit aus der historischen Struktur ausbricht, verletze diesen Grundsatz. Der Beschluss zur Wiederherstellung der historischen Mitte habe jedoch „Priorität vor allem anderen“, so Brands: „Dem Stadtgrundriss hat sich jede Architektur unterzuordnen.“ Graumann erklärte, diese „Worte“ seien „völlig richtig“. Die Standortentscheidung sei zwar unstrittig, doch genau in den von Brands genannten „Kontext hinein muss auch die Bibliothek passen“.
Er wiederholte damit ein Verhaltensmuster seines Vorgesetzten Klipp. Der hatte sich kürzlich in einer Bürgerversammlung die Forderung der Initiative „Mitteschön“ zu eigen gemacht, vor dem Baubeginn noch einmal auf Standortsuche für die Bibliothek zu gehen. Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hatte Klipp zwar zurück gepfiffen. Diese Haltung kurz vor Baubeginn sei „verantwortungslos“, da er das beschlossene Projekt insgesamt gefährde. Doch Klipp zog sich in der nächsten öffentlichen Runde mit Bürgern darauf zurück, dass er nur seine „ganz persönliche Meinung“ geäußert habe.
Diese Argumentation dürfte auch bei Graumann zu erwarten sein – vorausgesetzt, der Vorschlag Brands’ ist ähnlich riskant für das Gesamtunternehmen Bibliothek wie die von Klipp befürwortete neue Standortsuche. Dafür sprechen die Behauptung der Kulturdezernentin Iris-Jana Magdowski (CDU) und des Bibliotheksreferenten im Wissenschaftsmuseum, Ferdinand Nowak, dass die vom Land gestellten Hauptstadtmittel gefährdet sind, wenn der Umbau nicht Ende 2011 abgeschlossen ist. Bernd Richter, Chef des zuständigen Kommunalen Immobilienservice (Kis), erklärte, dass für die Umplanungen für Brands’ Vorschlag keine Zeit mehr sei. Durch den Rückbau der Fassade gingen 1500 Quadratmeter Nutzfläche verloren, die Statik müsste, so Richter, komplett neu berechnet werden, vom Risiko zusätzlicher Kosten ganz zu schweigen.
Richter und der beauftragte Architekt Reiner Becker waren allerdings schlecht präpariert in den Abend gegangen, bei dem sich Befürworter und Kritiker des Bibliotheksumbaus zahlenmäßig die Waage hielten. So präsentierte Becker zwar diverse Entwürfe und Skizzen, eine Animation der künftigen Bibliotheksfassade aber hatte er nicht dabei. Und zum Stand der bei Redaktionsschluss noch andauernden Diskussion blieb er auch dabei, dass er den neuen Fassadenentwurf erst im Januar habe. Wie berichtet, muss die Planung wegen eines Millionenlochs im Bauetat überarbeitet werden, Richter versicherte erneut, dass man den Zieltermin noch halten könne.
Befremdet äußerten sich mehrere Wortführer der langjährigen Bibliotheksdebatte über den erst kürzlich entfachten, hoch emotionalen Streit. Eberhard Kapuste (CDU), lange Chef des Kulturausschusses, erklärte, dass alle Pläne und Modelle bereits seit Jahren bekannt, öffentlich diskutiert und vorgestellt worden seien. Seine Nachfolgerin Karin Schrödter (Linke) stellte auch Brands’ Verweis auf den Grundsatzbeschluss zur Stadtmitte in Frage. Beschlossen worden sei lediglich die Wiederannäherung an den historischen Grundriss.
Buhrufe kamen auf eine Wortmeldung von Mitteschön-Sprecherin Barbara Kuster, die den Bedarf der Leihbücherei mittelfristig ganz in Frage stellte: „Die Leute, die noch ein Buch lesen, die sterben aus.“ (Von Volker Oelschläger)