POTSDAM - Rot-Rot in Brandenburg und speziell die Linkspartei werden seit Tagen von Stasi-Enthüllungen erschüttert. Die Palette ist breit: Ein Abgeordneter wurde durch Akten überführt, leugnet aber weiter. Eine Abgeordnete kam ihrer Enttarnung zuvor und schmiss hin. Im Fall von Ex-Landtagsvizepräsidentin Gerlinde Stobrawa gibt es Decknamen, IM-Aktenteile und viel Ungeklärtes.
Doch nicht immer ist ein vermeintlicher Stasi-Fall wirklich einer. Dazu zählt der Linken-Abgeordnete Michael-Egidius Luthardt. Der heute 51-Jährige, der neu im Landtag sitzt, hat von 1977 bis 1980 seinen Wehrdienst beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ geleistet. Wer dort diente, unterstand nicht dem Ministerium für Nationale Verteidigung, sondern dem Ministerium für Staatssicherheit. Die Soldaten waren also hauptamtliche Mitarbeiter des MfS – für die Zeit ihres Wehrdienstes. Manche wurden danach als IM angeworben, andere nicht oder konnten sich Stasi-Werbeversuchen widersetzen.
Luthardt hat es nach eigenen Angaben mehrmals abgelehnt, für die Stasi nach dem Wehrdienst tätig zu sein. „Die haben mir sogar Geld angeboten. Ich habe das abgelehnt“, sagte Luthardt gestern auf einer Pressekonferenz in Potsdam. „Für mich war klar, dass ich über andere Menschen nicht berichte. Das widerspricht meinem Grundcharakter.“ Bei einem Mal hätten ihm Stasi-Leute sogar Konsequenzen angedroht, wenn er nicht unterschreibe. Beim Wachregiment musste er nach einer halbjährlichen Grundausbildung als Mot.-Schütze ein MfS-Schulungshaus „im Wald nahe Wiesenburg“ im Fläming bewachen, wie er erzählte. Er habe sich für drei Jahre beim Wachregiment entschieden, weil er studieren wollte. Der Forstfacharbeiter nahm später ein Studium der Forstwirtschaft auf und war bis 1989 am Institut für Forstwissenschaften in Eberswalde als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.
1990 kam Luthardt in den öffentlichen Landesdienst Brandenburgs und wurde im Bereich des Umweltministeriums Referatsleiter. Er wurde 1993 überprüft. Hinweise auf eine inoffizielle Stasi-Mitarbeit lagen nicht vor.
Trotzdem wurde Luthardt gestern kurzzeitig zu einem „neuen Stasi-Fall“ in Brandenburg. Das zumindest berichtete die „Berliner Morgenpost“ mit Verweis auf angebliche Akten aus der Birthler-Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen. Eine allgemeine, damals übliche „Verpflichtung“ als „Soldat auf Zeit“ wurde kurzerhand zu einer „Verpflichtungserklärung“ als IM. Weil seine „Kaderakte“ damals nicht archiviert wurde, wurde vermutet, er habe für die Stasi danach gespitzelt.
Luthardt fühlt sich zu Unrecht an den Stasi-Pranger gestellt. Zumal er über seine Zeit beim Wachregiment vor seiner Nominierung für den Landtag auf Parteiveranstaltungen Auskunft gegeben habe. „Es kränkt mich, wenn meine Familie und Kinder so etwas hören oder lesen müssen.“ Für ihn steht fest: „Das ist Rufschädigung.“
Die Linke ist über die IM-Vorwürfe empört und will sich juristisch gegen die Birthler-Behörde und ihre Veröffentlichungspraxis zur Wehr setzen. „Es muss alles getan werden, um die Persönlichkeitsrechte von Abgeordneten zu schützen“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer Christian Görke.
Die Birthler-Behörde teilte gestern Abend mit, es gebe bei Luthardt keine Hinweise für eine Tätigkeit als IM.
CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski sieht das trotz allem anders. Er sprach gestern vom „siebenten Stasi-Spitzel in der Linksfraktion“ und forderte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) auf, Rot-Rot zu beenden. (Von Igor Göldner)