POTSDAM - Der ohnehin wegen anhaltender Fahrzeugüberprüfungen eingeschränkte Verkehr bei der Berliner S-Bahn wird jetzt zusätzlich durch den Winter belastet. Wegen „witterungsbedingter“ Fahrzeugstörungen standen gestern nur noch 360 der ohnehin auf 429 Viertelzüge geschrumpften S-Bahn-Flotte zur Verfügung. Eigentlich werden zum Komplettbetrieb 552 Wagen benötigt. Reservezüge, die an die Stelle gestörter Wagen treten könnten, sind Mangelware.
Die Folge des durch Frost und Schnee dezimierten Wagenparks: Die S-Bahn-Linie 3 verkehrt nur zwischen Erkner (Oder-Spree) und Berlin-Ostbahnhof. Die Züge Richtung Spandau sind vorerst gestrichen. Die S 9 bleibt auf den Abschnitt Schönefeld (Dahme-Spreewald) und Berlin Treptower Park begrenzt. Richtung Bahnhof Blankenburg gibt es dort vorerst keinen S-Bahn-Verkehr. Auch auf anderen Linien wie der S 7 Potsdam Hautbahnhof–Ahrensfelde (Barnim) gab es witterungsbedingte Ausfälle.
Der Betriebsrat hatte schon vor mehr als einer Woche vor einer Verschärfung des S-Bahn-Chaos durch Eis und Schnee gewarnt (MAZ berichtete). Die Beschäftigten-Vertreter kritisierten vor allem mangelnde Wintervorbereitungen bei den Gleisanlagen. Die Bahn hatte die Vorwürfe damals zurückgewiesen.
Die aktuelle Winterkrise sei vor allem durch Türstörungen ausgebrochen, sagte ein Bahn-Sprecher gestern. Kalte und warme Luft pralle dort aufeinander. So bilde sich Kondenswasser, das die Technik lahmlegen könne. „Das kann trotz Vorbereitungen passieren“, so der Sprecher.
Bahnexperten weisen den Türstörungen bei den erneuten Verkehrsbeschränkungen aber eine Nebenrolle zu. Schwerwiegender sei, dass Züge wegen defekter Motoren liegen geblieben seien. Zudem nehmen Heizungsausfälle zu. Zu Motorausfällen könne es bei der Witterung kommen, sagte der Bahnsprecher. Auch einzelne Störungen bei den Heizungen räumte er ein.
Der Betriebsrat sieht weiter in den mangelnden Werkstattkapazitäten die Ursache für die Beschränkungen und fordert die 2006 geschlossene Reperaturstelle Friedrichsfelde wieder zu öffnen. Auf einer Betriebsversammlung habe die Bahn nun gestern mitgeteilt, noch im Januar mit der Wiedereröffnung einer Werkstatt zu beginnen, sagte S-Bahn-Betriebratschef Heiner Wegner. Dabei werde die Entscheidung zwischen Friedrichsfelde und Erkner gefällt. Zudem habe das Unternehmen angekündigt 20 Viertelzüge einer älteren Baureihe wieder in Betrieb zu nehmen,
Der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz, kritisierte unterdessen angesichts der S-Bahn-Ausfälle, dass die „notwendige Kehrtwende in der Strategie der Konzernmutter Deutsche Bahn bisher nicht stattgefunden hat“. Noch immer werde scheinbar „die dramatische Krise der S-Bahn nicht ernst genug“ genommen. (Von Gerald Dietz)