KLEINMACHNOW - „Und da in der Herberge kein Platz für sie war...“, wer erliegt nicht dem unerhörten Zauber jener Geschichte vom neugeborenen Jesuskind, welches in Windeln gewickelt einst in eine Krippe gelegt wurde. „Für viele Menschen gehört die Krippe in der festlich geschmückten Kirche oder im heimischen Wohnzimmer zu Weihnachten einfach dazu, in der Advents- und Weihnachtszeit entdecken sie in sich eine Spiritualität“, sagt Martin Bindemann. Der Diakon der Kleinmachnower Auferstehungsgemeinde hat häufig erfahren, dass Menschen berichten: „Wenn ich die Krippe nicht hätte, würde mir etwas fehlen“. Und zwar unabhängig davon, ob diese Menschen sonntags zur Kirche gehen oder sich gläubig nennen, sagt Bindemann.
Die Glaubensfrage kann auch die Kleinmachnower Familie Pätzold für sich nicht eindeutig beantworten. Dafür kann sie sich gleich an mehreren jener weihnachtlichen Miniaturszenarien erfreuen, die mit Maria, Josef und dem Jesuskind einen kleinen, aber faszinierenden Ausschnitt der biblischen Weihnachtsgeschichte erzählen- und das ganz ohne Worte.
Auf Tischchen und Regalen stehen vier selbst gefertigte Krippen. Aus Holz geschnitzte und gearbeitete Landschaften, Ställe mit Krippe, Zäunchen, Mauerornamenten, Herbergen, sind dort zu sehen. Bevölkert von der heiligen Familie, von Hirten, Bauern, Gastwirten und Tieren. Ein Mikrokosmos jedes einzelne Stück, eine biblische Puppenstube.
„Vater hatte einfach zwei goldene Hände“, berichten Michael und Heike Pätzold über den Vater und Schwiegervater, der kürzlich verstarb. Angefangen hatte bei Kurt Pätzold alles mit einer Vorliebe für St.-Andreasberger Puppenstubenmöbel. Der gelernte Maler baute sie schon zu DDR-Zeiten nach, beseelt immer von dem Wunsch, einmal nach St. Andreasberg zu reisen. Dieser Wunsch erfüllte sich freilich erst nach dem Mauerfall. Seither pflegte Kurt Pätzold intensive Kontakte mit der Harzgemeinde. Heute ist der Kleinmachnower, der nebenbei auch Kanarienvögel züchtete, sogar mit einigen Exponaten im dortigen Kanarienvogelmuseum zu sehen.
„Er hat immer gebaut und gewerkelt, alles selbst gemacht“, erinnert sich Sohn Michael: „Als er dann vor einigen Jahren einen Katalog mit Alpenlandkrippen in die Hände bekam, entbrannte im Hause Pätzold ein „richtiges Baufieber, Vater hatte eine Idee, Mutter fuhr los und besorgte das Material“. Eine Arbeitsteilung, die eindrucksvolle Krippenszenerien hervorbrachte. Einige wurden verschenkt, an gute Freunde, Verwandte.
Aufgewachsen in der Neumark kam Kurt Pätzold über Thüringen nach Kleinmachnow. Ob der Vater eigentlich gläubig war? Da möchten sich Sohn und Schwiegertochter gar nicht festlegen. Die erste Krippe baute er jedenfalls für seine kranke Tochter Carola, die einige Zeit in den Lobetaler Werkstätten, eine diakonische Einrichtung, lebte. Auch mit dem Pfarrer in der einstigen thüringischen Heimatgemeinde habe er enge Kontakte gepflegt, war fasziniert von den dortigen Turmbläsern.
Viele Krippenbauer stellen das Geschehene so dar, als läge Bethlehem vor ihrer Haustür: Die heilige Familie trägt in Peru Inka-Tracht, bei den Eskimos liegt das Jesukind auf einem Schlitten, und die Hirten der bayerischen Krippen tragen Volkstümliches. Die Vielfalt der Darstellung des wunderbaren Geschehens ist beinahe grenzenlos und fasziniert Menschen auf der ganzen Welt. „Krippen wecken eine leise Sehnsucht nach der heilen Welt“, sagt Bindemann: „Seit dem angehenden Mittelalter erzählen sie über Bilder Geschichten.“ Früher habe man so das ganze Kirchenjahr, welches im Advent beginnt, dargestellt. Bis zum 19. Jahrhundert stand die Weihnachtskrippe im Mittelpunkt familiärer Weihnachtsfeste, bis sie durch den Einzug vom Christbaum etwas verdrängt wurde.
Eine Ausstellung privater Krippen in der Auferstehungskirche geriet 2008 zum Renner. „Die Leute kamen in Scharen“, sagt Bindemann, der so etwas gern wiederholen möchte. Jede Krippe hatte ihre Geschichte. Etwa die „Notkrippe“ aus Kriegszeiten: Ein Holzbrettchen mit schlichten Steckfiguren, das man bei Fliegeralarm schnell mit in den schützenden Keller nehmen konnte. Gerade in Zeiten von Krisen hinterlasse eine allgemeine Unsicherheit bei manchem ein Stück innerer Leere, schlägt Bindemann den Bogen zur Gegenwart: „Den möchte man füllen, Krippen und weihnachtliche Traditionen können dabei helfen“.
Bei Pätzolds pflegt man familiäre Traditionen. Zum Fest gibt es Kartoffelsalat und Würstchen, Biersoße nach überliefertem aufwändigem Rezept, Grünkohl und Speck. Auch Geschichten werden erzählt, etwa von den heiligen drei Königen, vor der Kulisse der Krippen – kein Wunder. (Von Konstanze Wild)