MAZ: Herr Dr. Stolpe, Sie haben heute mit sehr viel Herzenswärme im Klinikum Weihnachtsfreude bereitet. Was bedeutet Ihnen persönlich das Fest?
Manfred Stolpe: Von klein auf, seit ich denken kann, war Weihnachten ein Höhepunkt im Familienleben. Besonders während der Kriegszeit bedeutete es eine Stärkung.
Wie feiern Sie heute den Heiligen Abend?
Stolpe: Zu den Fixpunkten zählt der Besuch der Christvesper in der Erlöserkirche, bei der es auch ein Krippenspiel gibt. Wir haben zwei Enkel: den achtjährigen Felix und den zweijährigen Finn. Besonders Finn ist ein lebhafter Knabe. Bei ihm besteht durchaus die Gefahr, dass er unbedingt nach vorne zu den Krippenspiel-Darstellern laufen will, um „mitzuspielen“.
In diesem Jahr haben Sie und Ihre Frau in einem sehr mutigen Schritt Ihrer beider Krebserkrankung öffentlich gemacht. Beeinflusst die Krankheit das diesjährige Fest?
Stolpe: Seitdem wir uns beide gegen den Krebs wehren, leben meine Frau und ich eine neue Form von ehelicher Gemeinschaft. Da schauen wir beide in allen Lebensfragen mit noch festerem Blick auf das, was möglich ist. Und man sieht die Freude über das Gemeinsame mit noch wacheren Augen.
Über ein vorgezogenes „Weihnachtsgeschenk“ – zwei Millionen Euro aus ehemaligem SED-Vermögen – durfte sich ja die Stiftung Garnisonkirche freuen. Welche Gefühle hat das bei Ihnen als Kuratoriumsmitglied ausgelöst?
Stolpe: Ich persönlich empfinde diese Entscheidung der Landesregierung als nötige Wiedergutmachung. 1968 wurde die Garnisonkirche – genauso wie die Leipziger Universitätskirche – aufgrund einer politischen Entscheidung der SED-Führung unter Walter Ulbricht zerstört. Den Ausschlag gab damals, dass sich eine breite Bürgerbewegung für den Erhalt dieser Kirchen stark gemacht hatte – quer durch alle Schichten. Es war das Jahr des Prager Frühlings. Die SED-Führung befürchtete, dass diese Bewegung auf die DDR übergreifen könnte. Das einzige Ziel war nun, deutlich zu machen, wer der Chef im Hause ist.
Sie haben diese Vernichtung des Baus selbst miterlebt?
Stolpe: Ja, ich habe damals als Kirchenjurist dagegen gekämpft. Der Turm war ja damals beileibe keine Ruine, sondern es gab die ganz realistische Möglichkeit eines Wiederaufbaus. Der Stadtbaurat hatte uns schon die Genehmigung erteilt, Zwischendecken einzuziehen und eine Aussichtsplattform in 70 Metern Höhe zu installieren. Doch dann kam der plötzliche Befehl von ganz oben. Umso größer ist nun natürlich meine Freude über das Ziel der Garnisonkirchenstiftung, den Turm bis 2017 wieder aufzubauen. Zum einen als Erinnerungsstätte an die Frauen und Männer des 20. Juli 1944. Zum anderen, weil dem Turm eine stadtprägende Rolle zukommt – wichtiger noch als das Kirchengebäude.
Ihr Weihnachtswunsch für die Garnisonkirche?
Stolpe: Ich wünsche mir, dass der Wiederaufbau mehr Verankerung in der Bevölkerung findet. Dafür muss noch mehr geworben werden. Es kann nicht sein, dass die Goebbels-Propaganda, die den Bau einst nur benutzt hat, heute noch herumspukt.
Und was ist Ihr Wunsch für Potsdam?
Stolpe: Dass trotz der Unterschiede, die aus Herkommen und Einkommen erwachsen, die Bürgerinnen und Bürger zu einer guten Gemeinschaft zusammenwachsen.
Das Gespräch führte Ildiko Röd.