Heerscharen von Spaziergängern, Touristen und Radlern halten am Ufer des Jungfernsee auf Höhe des Herbertshofes regelmäßig an und bestaunen die Tür zu einer Villa, die selbst im halb verfallenen Zustand von einstiger Herrschaftlichkeit kündet. Dann folgen die immer gleichen Fragen: Gehört das Haus jemandem? Ist es noch zu retten?
All das fragten sich auch die Schauspielerin Nadja Uhl und ihr Mann Kay-Patrick Bockhold, bevor sie sich mit zwei Freunden im Herbst 2005 entschlossen, die so genannte Gutmann-Villa von der Erbengemeinschaft zu kaufen. Deren umumstrittener Höhepunkt ist das viel gerühmte Arabicum, ein im orientalischen Stil eingerichteter Salon mit kunstvollen Holzvertäfelungen und Orientteppichen – es war der Lieblingssalon des orientbegeisterten Herbert M. Gutmann, der sich auf vielen Reisen für die arabische Kultur begeisterte und Präsident der Deutsch-Persischen Gesellschaft war.
An diesem hellen Wintermorgen schließt Kay Bockhold die beschädigte Eingangstür auf. Durch ein dunkles Labyrinth und mit Baumaterialien verstellte Räume geht es ins Arabicum. Das frühe Sonnenlicht fällt fast waagerecht durch die trüben Scheiben – märchenhaft beleuchtet es die verbliebenen Ornamente, alle in Damaskus gefertigt in einem Stil, der mal „türkisches Rokoko“ oder „türkischer Barock“ genannt wird, aber auch erste Anklänge der Abendlandeinflüsse auf den Orient zeigt.
Sichtbar sind auch immense Schäden: Die Decke hängt wegen der Feuchtigkeit der letzten Jahre teilweise in Fetzen herab, viele der filigranen Intarsien wurden von der Nässe regelrecht abgesprengt, über allem hängt muffiger Geruch. Doch obwohl die kunstvollen Teppiche lange fort sind, strahlt der Raum eine fast magische Atmosphäre aus.
Auch wenn jene Freunde, die mit Nadja Uhl und Kay Bockhold die Villa kauften, sich kurz nach dem Kauf aus dem Projekt weg nach Amerika verabschiedeten, ist das Ehepaar entschlossen, die Sanierung zu vollenden – Schritt für Schritt, über zehn bis 15 Jahre, wie Bockhold einräumt. Zunächst mussten die neuen Eigentümer die Dächer der Villa und der Nebengebäude dicht machen. Den wichtigsten Schritt dabei erledigte Bockhold vor wenigen Tagen: Ein vollständig neues Dach über dem Arabicum sorgt dafür, dass der Verfall drinnen nicht mehr fortschreitet. „Es ist das erste Mal, dass das Dach eine Dämmung hat“, erzählt Baudenkmalpfleger Roland Schulze Denn das Arabicum hatte von Beginn an einen Webfehler: Fiel die Außentemperatur zu stark, kondensierte an der Decke das Wasser und beschädigte deren hölzerne Verkleidung stark – schon zu Herbert Gutmanns Zeiten. Da lag auf der darüber liegenden Terrasse aber zumindest noch Erde, die ein wenig dämmte, und von unten wärmte die Heizung den Raum.
Für das Arabicum heißt das jetzt: Schlimmer wird’s wohl nicht mehr. Die Feuchtigkeitsmessgeräte zeigen täglich erfreulichere Werte an. Wann die Holzintarsien wieder im ursprünglichen Glanz erstrahlen, steht aber noch in den Sternen. Die Bauherren haben Kontakt zu einer Dresdner Restauratorin geknüpft, die als Koryphäe auf dem Gebiet solcher „syrischen Zimmer“ gilt: Anke Scharrahs ist von Damaskus bis New York viel beschäftigt, hat sich aber schon ausführlich mit dem Arabicum befasst. „Uns schwebt ein Projekt mit Studenten vor“, verrät Kay Bockhold.
Professor Siegfried Ast, der die Abdichtung des Arabicum-Daches fachlich begleitete, nimmt die Bauherren angesichts nachbarschaftlicher Sticheleien wegen der von außen kaum sichtbaren Baufortschritte in Schutz. „Wenn einer sich soviel Zeit lässt, muss er schon Idealist sein“, lobt er Bockhold und Uhl. (Von Jan Bosschaart)
Die Villa:
Herbert M. Gutmann, Sohn des Gründers der Dresdner Bank, 20 Jahre im Vorstand, Gründer der Orientbank, ließ die Villa von 1919 bis 1926 am Jungfernsee von Reinhold Mohr bauen.
Die Villa hat eine ovale Rokokobibliothek und eine Turnhallle. Neben dem Arabicum gibt es ein chinesisches und ein japanisches Zimmer.
1936 emigriert die Familie wegen Gutmanns jüdischer Herkunft vor den Nazis über Italien nach England. V.Kl.