BERLIN - Der Gebäudekomplex an der Normannenstraße ist kein idyllischer Ort. Er wirkt abweisend. Trotzdem wird dort für morgen zum Bürgerfest eingeladen. Anlass ist der 20. Jahrestag des Sturms auf die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, die sich hier befunden hatte – die damals Beteiligten wollen das Wort Sturm aber lieber in Anführungsstriche gesetzt sehen.
In den Bezirken der DDR waren die Stasi-Dienststellen schon Wochen zuvor besetzt worden. Bürgerkomitees hatten, wie es hieß, in „Sicherheitspartnerschaft“ mit der Volkspolizei und in Kooperation mit der Staatsanwaltschaft die Räume versiegelt. Aber in Berlin, da waren – obwohl es ihr Ministerium offiziell nicht mehr gab – die Tschekisten noch am Werk. Der Gebäudekomplex schien wohl zu monströs, zu unübersichtlich für eine Besetzung. Und die Revolution hatte inzwischen, so schätzte es Reinhard Schult vom Neuen Forum ein, „einen Teil ihrer Spontanität und Geschlossenheit verloren“. Schließlich rief das Neue Forum für den 15. Januar, 17 Uhr, zu einer „Aktionskundgebung“ gegen den Bespitzelungsapparat auf. Dicht an dicht drängten die Menschen vor die Zentrale. Sprechchöre erschallten: „Stasi in die Produktion!“, „Tor auf!“
Es dauerte nicht lange, da ging das Tor tatsächlich auf – sehr zur Überraschung der Demonstranten. Sie stellten fest, dass sich bereits Vertreter von Bürgerkomitees aus anderen Teilen der DDR in dem Komplex aufhielten. Die Angaben darüber, wer die Flutung des Geheimdienstes ausgelöst hat, gehen auseinander. Der Thüringer Pfarrer Martin Montag sagt, ein Mann sei über das Tor geklettert und habe die Verriegelung gelöst. Andere wollen beobachtet haben, das Tor sei von der Volkspolizei geöffnet worden – nach Aufforderung durch Montag.
Egal, welche Erinnerung oft genug erzählt, aufgeschrieben und angeklickt wird, um letztlich als Wahrheit wahrgenommen zu werden – 2000 Leute strömten in die Höhle des Löwen. Es war schon dunkel. Beleuchtet war nur der Weg zu Haus 18, berichtet Hannelore Köhler, die damals dabei war. Dort brannte auch Licht hinter den Fenstern. Dorthin zogen die Massen. Polizisten waren auch auf dem Gelände. „Die standen da und guckten“, so Hannelore Köhler.
Kaum drin, begegneten der heutigen Mitarbeiterin der Berliner Birthler-Behörde Leute, die mit Palmentöpfen und Ananas schon gen Ausgang eilten. Haus 18 war für Plünderer interessant, aber nicht für die Auseinandersetzung mit der Bespitzelung. Es gab dort eine Kaufhalle, einen Laden des BFC Dynamo, eine Buchhandlung, einen Friseur – aber keine Akten. Kurz nach Öffnung des Tores fielen Gegenstände aus den oberen Fenstern. „Auch das erschien mir komisch“, sagt Hannelore Köhler. So schnell konnte eigentlich kein Demonstrant dort hochgekommen sein.
Hannelore Köhler und andere verschafften sich einen Überblick. Für die meisten Stasi-Leute war dienstfrei angeordnet worden. Sie hatten mit einer Besetzung gerechnet und schon eifrig Akten vernichtet – zum Großteil per Hand, weil die Reißwölfe nicht reichten. Während Bürgerrechtler vorne Räume versiegelten, wurden hinten Papiere rausgetragen. Das Bürgerkomitee gründete Arbeitsgruppen, darunter eine für „Quellenschutz“ – für Hannelore Köhler ein Beleg mehr, dass sich „offenbar sehr systemnahe Leute“ unter die damaligen Oppositionellen gemischt hatten.
Am frühen Abend erschien der damalige Ministerpräsident Hans Modrow. Er zeigte sich betroffen von den Zerstörungen. Hannelore Köhler erklärte ihm: Im Verhältnis zu den Zerstörungen, die die Stasi in 40 Jahren angerichtet habe, sei hier wenig zu Bruch gegangen. Nach dem Dialog mit Modrow wird Köhler augenblicklich Sprecherin des Bürgerkomitees.
Als solche sitzt sie am nächsten Tag auf dem Podium des Internationalen Pressezentrums, dort wo Günter Schabowski gut zwei Monate zuvor die Maueröffnung verkündet hatte. Mit dabei ist auch der stellvertretende Innenminister Dieter Winderlich. Er beziffert die Schäden in der Normannenstraße auf mehr als eine Million Mark. Hannelore Köhler hält die Summe für deutlich übertrieben. Und sie äußerte schon damals den Verdacht, dass bestimmte Personen die Demonstranten gezielt in Räume geführt hätten, die für jegliche Aufklärungstätigkeit kaum von Interesse seien.
Solche Mutmaßungen waren nicht nur eine erste Reaktion. Christian Halbrock, der damals ebenfalls Demonstrant war und heute bei der Birthler-Behörde arbeitet, ist ihnen in einem Buch nachgegangen. Nach seinen Recherchen war einiges in dem Gebäudekomplex schon zerstört, bevor die Demonstranten ankamen. Offenkundig sollte die Bürgerbewegung diskreditiert werden. Dennoch, urteilen Historiker, war die Macht der SED am 15. Januar endgültig gebrochen. (Von Stephan Laude)
Das Bürgerfest
Zum 20. Jahrestag der Besetzung der ehemaligen Stasi-Zentrale findet am Sonnabend ein Bürgerfest statt. Ort: Archiv der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU), Haus 7 und Kantine der DB, Ruschestraße 103, Berlin-Lichtenberg, Zeit: 10 bis 20 Uhr
Programmhöhepunkte: 10.30 Uhr Eröffnung durch BStU-Chefin Marianne Birthler; 12.00 Uhr: Unterrichtsfilm und Diskussion: „Ein Volk unter Verdacht – die Staatssicherheit der DDR“; 12.00 Uhr und 15 Uhr: Lesung „Immer wieder Dezember – der Westen, die Stasi, der Onkel und ich“ mit Susanne Schädlich; 20.15 Uhr: Abschlusskonzert mit Jan Josef Liefers: „Soundtrack meiner Kindheit“
Ganztägige Angebote: Führungen, Informationsstände, Stasi-Filme
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