SWIECKO - „An der Büro-Wand des Kommandanten hingen unterschiedlich große Ochsenziemer. Der Neuankömmling konnte sich aussuchen, mit welchem er anschließend geschlagen wurde.“ 25 Peitschenhiebe gehörten Zeitzeugenberichte nach zum berüchtigten Aufnahmeritual für verhaftete Zwangsarbeiter unterschiedlichster Nationen im Arbeitserziehungslager Schwetig (heute Swiecko), das die Gestapo Frankfurt von Oktober 1940 bis Januar 1945 betrieben hatte. Ein beliebtes „Vergnügen“ der Wachleute soll es dort gewesen sein, die Häftlinge durch das Lager zu jagen und sie dabei mit Kabeln zu schlagen.
Die Bewacher hatten dabei leichtes Spiel, waren ihre Opfer doch von täglich mehr als 14 Stunden körperlicher Arbeit bei dramatischer Unterernährung kräftemäßig am Ende. Und wer erst auf die Krankenstube kam, kehrte von dort nie wieder zurück. „Die Gefangenen wurden den ganzen Tag über schikaniert. Der Tod war an der Tagesordnung“, erzählt Matthias Diefenbach, während er sich durch das dornige Gestrüpp am polnischen Oderufer nahe der Autobahnbrücke kämpft, plötzlich abrupt stehen bleibt und auf bemooste Treppenstufen aus Beton im hohen Gras weist. „Das war vermutlich der Eingang zu einer der Häftlingsbaracken“, sagt der 40-Jährige.
Diefenbach hat an der Frankfurter Europa-Universität „Viadrina“ seine Bachelor-Arbeit über das Lager mit dem zynischen Namen „Oderblick“ geschrieben, von dem heute kaum jemand etwas weiß. „Sämtliche Akten der einst involvierten Behörden wie Gestapo, Frankfurter Arbeitsamt und Reichsautobahnamt sind verschollen, vermutlich vernichtet worden.“ Seine Arbeit stützte er auf Unterlagen des Reichsautobahnamtes Berlin und auf Zeitzeugenberichte. Insgesamt hatte das Lager eine Kapazität von 400 Plätzen, oftmals war es mit etwa 800 Insassen total überfüllt. Denn die Reichsautobahndirektion, die die mit Stacheldraht umzäunten, mit Wachtürmen und einem Todesstreifen bestückten Baracken hatte aufstellen lassen, brauchte Arbeitskräfte für die Verlängerung der Trasse ab Frankfurt gen Osten. 1942 wurden die Bauarbeiten allerdings eingestellt. „Oderblick“ aber bestand weiter, die Gefangenen schufteten nun im Frankfurter Wasserwerk und anderen Betrieben. Mit der Evakuierung des Lagers vor der anrückenden Roten Armee Ende Januar 1945 wurden Kranke und Marschunfähige in einer Baracke zusammengetrieben und diese in Brand gesetzt. Wie viel das Feuer vernichtete, vermag heute keiner mehr zu sagen. In den Jahren sollen im Lager durch Schwerstarbeit, Hunger, Prügel und Hinrichtungen mindestens 4000 Insassen zu Tode gekommen sein.
Um noch Spuren des ehemaligen Arbeitserziehungslagers zu entdecken, muss man genauer hinschauen. Auf dem verwilderten Areal an der alten Pflasterstraße zwischen dem früheren Dorf Schwetig und der ehemaligen Frankfurter Dammvorstadt (heute Slubice) steht ein Monument mit polnischen Inschriften: Ein kurzes Mauerstück mit einem symbolisch aufgesprengten Gitterfenster, daneben eine Liste mit etwa 60 Namen. „Das sind die wenigen, die bekannt sind, weil sie auf den Listen des Frankfurter Krematoriums standen“, sagt Diefenbach. Der Kulturwissenschaftler bemüht sich um die Einrichtung eines Gedenk- und Lernortes, hat Fördermittel bei der EU beantragt und ist in Gesprächen mit Pädagogen und Historikern von beiden Seiten der Oder. Dennnoch gibt es viele weiße Flecken in der „Oderblick-Geschichte“. Seinen Angaben nach gibt es von ehemaligen Häftlingen und auch von früheren Dorfbewohnern Berichte über Hinrichtungen im Lager. (Von Jeanette Bederke)
Die Lager der Gestapo
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