WÜNSDORF - Zossener kennen die Kommandantenvilla im Ortsteil Wünsdorf eher als „Peking Garten“, ein ordentliches China-Restaurant mit zivilen Preisen. Es läuft recht gut. Nun teilt sich der Chinese die Geschäftsadresse Zehrensdorfer Straße 4 mit der Merckle-Gruppe. In ihren besten Zeiten war sie für 35 Milliarden Euro Umsatz gut, bei rund 100 000 Beschäftigten. Auch wenn das Unternehmen mitten in einem Umbau steht – die Vermögensholding wird weiter auf Milliarden geschätzt. Da wird mehr als nur ein Steuergroschen für die Sitzgemeinde bleiben.
Vor fast genau einem Jahr, am 5. Januar 2009, erschütterte diese Nachricht die Finanzwelt im In- und Ausland: Firmenpatriarch Adolf Merckle hatte aus einer Fehlspekulation mit VW-Aktien für sich die fürchterliche Konsequenz gezogen, er warf sich in seiner baden-württembergischen Heimatstadt Blaubeuren vor den Regionalzug und starb auf der Stelle. Eine Milliarde Euro Schulden – das Finanzloch der Firmengruppe überstieg jede Vorstellung. Inzwischen haben die Manager der Firmengruppe, an der Spitze der Firmenerbe Ludwig Merckle und die Finanzexpertin der Gruppe, Susanne Frieß, das Wunder vollbracht. Sie konnten die Banken stillhalten. Die Lage ist wieder im Griff, jedenfalls für die Kernunternehmen. An der Börse hat Merckle einen großen Teil seiner Beteiligung an der Heidelberg Cement AG (10,8 Milliarden Euro Umsatz) abgesetzt, zu guten Konditionen, wie es heißt. Jetzt steht der Verkauf des Merckle-Filetstücks Ratiopharm an, ein Unternehmen, das preiswerte Arzneimittel produziert und mindestens 2,5 Milliarden Euro in die Merckle-Kassen bringen soll. Unklar ist noch, was Merckle mit dem Pharmahandel Phoenix vorhat – ein Grossist, der 21,5 Milliarden Euro bilanziert. Selbst ohne diese drei großen Unternehmen ist die Merckle-Holding noch für einige Milliarden Euro Bilanzsumme gut.
Seit Oktober 2009 lief im Stillen die Aktion „Merckle zieht nach Wünsdorf“, im Dezember ging es dann Schlag auf Schlag: 71 Unternehmen des Konzerns haben ihren juristischen Sitz jetzt im Zossener Ortsteil Wünsdorf. Die Beamten am Registergericht in Potsdam mussten Überstunden machen und vertippten sich bei den Einträgen mehr als einmal. Aber ein Name ging ihnen bald flott von der Hand: Susanne Frieß. Die Noch-Finanzchefin der bekannten Ratiopharm GmbH hat als Geschäftsführerin in fast allen Unternehmen der tief verschachtelten Merckle-Holding das Sagen. Für Zossen – da sind sich Wirtschaftsexperten einig – zahlt es sich aus, den Gewerbesteuerhebesatz auf die Mindestmarke von 200 Prozent gesenkt zu haben. Verglichen mit den bisherigen Merckle-Standorten ist die märkische Stadt ein echtes Steuerparadies. Blaubeuren verlangt 340 Prozent, der Ulmer Hebesatz steht bei 360. Firmenchefin Frieß, eine promovierte Rechtsanwältin aus Dresden, gilt als Frau mit einer echten Nase für Steuerschnäppchen.
Zossens Bürgermeisterin Michaela Schreiber (Plan B) freut sich freilich über die neuen Gäste, dämpft aber gleichzeitig allzu große Erwartungen. Gewerberechtlich und steuerlich seien die Unternehmen noch gar nicht in der Stadt angemeldet, erklärte sie. „Das dauert erfahrungsgemäß sechs bis neun Monate“, sagte sie gestern auf Nachfrage der MAZ. In Vorabgesprächen sei deutlich geworden, so Schreiber, dass neben dem günstigen Steuersatz der Stadt Zossen vor allem auch die ideale Anbindung und Lage zwischen Berlin und Dresden eine wesentliche Rolle für die Entscheidung der Merckle-Gruppe gespielt habe. Diese hat in der Kommandantenvilla eine Etage mit mehreren Büros gemietet. Schreiber bat um Verständnis, dass auf Wunsch der nun juristisch in Wünsdorf ansässigen Unternehmen in der Öffentlichkeit bislang nichts über den „stillen Umzug“ zu erfahren war. (Von Klaus D. Voss und Fred Hasselmann)