POTSDAM - Für das, was in ihnen geschieht, können Häuser nichts. Das Potsdamer „Lindenhotel“ war Wohnhaus, preußische Kommandantur, französisches Pferdelazarett, Stadtparlament, Gericht und Gefängnis. Die Nationalsozialisten sperrten hier ein, wer ihnen politisch in die Quere kam, Stalins Geheimdienst nutzte es bis 1952 für den gleichen Zweck. Den ironisch bitteren Taufnamen „Lindenhotel“ bekam es allerdings erst, nachdem der Staatssicherheitsdienst hier eine Untersuchungshaftanstalt einrichtete, in die bis 1989 eingeliefert wurde, wen die DDR der „Spionage“, „Sabotage“, „staatsfeindlichen Hetze“ oder des „ungesetzlichen Grenzübertritts“ bezichtigte: Insgesamt saßen 6000 Männer und 1000 Frauen in den trostlosen Zellen ein. Womit dem barocken Stadtpalais in City-Lage die zweifelhafte Ehre zuteil wurde, für die Kontinuität politischer Verfolgung im 20. Jahrhundert zu stehen.
Seine Vergangenheit als Haus des Terrors ist vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung und dem Potsdam-Museum mittlerweile allerdings schon insoweit aufgearbeitet, als dass in dem heute als Gedenkstätte zugänglichen Komplex seit 2008 die Module NKWD und MfS als Teile einer Dauerausstellung installiert sind beziehungsweise, was etwa das Nazi-Kapitel betrifft, noch bis Herbst 2011 installiert werden. Das, was das Kuratoren-Team Gabriele Schnell, Hans-Hermann Hertle und Peter Ulrich Weiß jetzt für den Publikumsverkehr freigibt, erzählt hingegen die Freiheitsgeschichte des Gebäudes: Vor 20 Jahren, am 20. Januar 1990, wurde es nämlich an einem Tag der offenen Tür erstmals für alle aufgemacht, die wissen wollten, was Mielkes Tschekisten hier angerichtet hatten. Zeitgleich bezogen SPD und Neues Forum dort ihre Büros. Sechs weitere Oppositionsgruppen und -parteien sollten ihnen bis Mai 1990 folgen. So wurde vor der ersten und letzten freien Volkskammerwahl im März 1990 aus dem Haus des Terrors ein Haus der Demokratie. „Deshalb ist es einzigartig“, sagt Hertle, „denn nirgendwo sonst gibt es einen Ort, an dem die SED-Diktatur und deren Überwindung ähnlich miteinander verschränkt waren.“ Jene, die bis 1989 nur unter dem Schutz der Kirche oder aus ihren Wohnzimmern heraus agieren konnten, firmierten plötzlich für alle Bürger sichtbar mitten in der Stadt. „Das war damals von enormer symbolischer Kraft.“
„Demokratie – Jetzt oder Nie!“ ist denn auch übertitelt, was auf zwei Korridoren und in vier ehemaligen – noch immer mit wattierten Schallschutztüren ausgerüsteten – Vernehmerzimmern als Chronik der Potsdamer Wende zu sehen ist. Die hintereinander gelegenen Räume fügen sich zu einer Enfilade, in welcher der Vor- und Ablauf der Friedlichen Revolution in der Stadt und im einstigen Bezirk Potsdam dokumentiert ist.
Der Parcours beginnt freilich im Treppenhaus, wo drei Stationen die hiesigen Zustände in den 80er Jahren mit den internationalen ins Verhältnis setzen: Sowjettruppen und 14 Grenzübergänge nach Westberlin, „Sputnik“-Affäre und Gorbatschow, Plattenbau und Verfall der Altbausubstanz, militarisierte Gesellschaft und Olof-Palme-Friedensmarsch. Im ersten Raum ist dann die Erosion der DDR Thema oder genauer: wie sich diese in Potsdam spiegelte. Mithin wird der Kommunalwahlbetrug vom Mai 1989 offengelegt, das Pfingstbergfest gefeiert, für die Opfer vom Pekinger Tiananmenplatz in der Erlöserkirche getrommelt, der Sternmarsch nach Caputh organisiert. Danach muss der Besucher einen Durchlass passieren, der von überlebensgroßen Volkspolizisten flankiert wird, die Frank Gaudlitz am 7. Oktober 1989 auf der Friedrich-Ebert-Straße fotografiert hat. Aber im „Revolutionsraum“ betreten endlich mündig gewordene Massen die politische Bühne, am 4. November 1989 auf dem Luisenplatz zum Beispiel. „Wir haben die Sprache wiedergefunden und die Welt kennt seitdem dieses verschlafene Land nicht wieder“, ist in roten Lettern auf die Wand gegipst. Der Bürgerrechtler Jens Reich hatte das am gleichen Tag auf dem Berliner Alexanderplatz ins Mikrofon gerufen. Aus Potsdam antwortet ihm hier SED-Bezirkschef Günther Jahn mit einem grauen Schriftzug: „Gewalt nur im äußersten Notfall anwenden, aber wenn es sein muss, wird unsere Hand nicht zittern.“ Derlei spricht für sich.
Vor allem aber sind es Bilder, die in der Schau „zu Wort“ kommen. Auf vom Potsdamer Designbüro Freybeuter mattsilbern eingefärbten und reliefartig versetzt angeordneten Schautafeln. Die Texte sind indes bewusst knapp gehalten, ganz aufs Faktische reduziert. „Bilder bringen Atmosphäre und Ereignisse näher“, erklärt Weiß, der sie mit erheblichem Rechercheaufwand in Archiven gefunden oder aus privater Hand bekommen hat. Sie berichten mal klein und schwarzweiß von den Gründungen oppositioneller Parteien, mal bunt und wandfüllend vom Mauerfall am 10. November 1989 auf der Glienicker Brücke. Was nicht heißen soll, dass dieses für eine „Ausstellung im Exponat ,Lindenhotel’“ angemes-
sen sensible Bild-Text-Trägersystem O-Töne überflüssig machen würde: An zwei Hörstationen sind die Statements und Erinnerungen von Zeitzeugen abrufbar.
Das Ende des Rundgangs markiert allerdings doch wieder ein Megaformat: Es zeigt den Besucherstrom in das von der Stasi verlassene „Lindenhotel“. „Der 20. Januar 1990 war der Tag“, kommentiert Gabriele Schnell, „an dem hier die öffentliche Aufarbeitung anfing.“ Die Ausstellung statuiert das Exempel, wie solch eine Aufarbeitung aussehen muss. (Von Frank Kallensee)