POTSDAM - Von der erfolgreichen Senioren-Rock-Kapelle Deep Purple hat er sich verabschiedet. So ganz von der Bühnenluft kann Jon Lord aber nicht lassen. Deshalb gibt er von Zeit zu Zeit seiner lebenslangen Leidenschaft nach, Rock und Klassik zu vermählen, womöglich eine eigene Rock-Klassik zu schaffen.
Der Schöpfer von ewigen Über-Hits wie „Smoke On The Water“ oder „Child In Time“ hat 1969 erstmals sein „Concerto for Group and Orchestra“ in der Londoner Royal Albert Hall aufgeführt. Damals ein künstlerisches Wagnis, weil geeignet sowohl die Hard-Rock-Fans zu verprellen als auch die Klassik-Freunde. Mittlerweile kommt dem dreiteiligen Werk der Status eines Klassikers zu, der notengetreue Wiederaufführung verdient.
Wie lebendig das gelingen kann, war am Samstag im Potsdamer Nikolaisaal zu erleben. Hier standen Jon Lord das versierte Filmorchester Babelsberg zur Seite sowie drei junge Musiker, die sich in der Tribut-Band Demons Eye dem Nachspielen von Deep Purple widmen. Ihnen war deutlich anzumerken, wie sehr sie die Anwesenheit ihres Meisters beflügelte.
Mark Zyk zelebrierte die Gitarren-Soli auf der Fender Stratocaster so rasant und prunkvoll, dass „Speed King“ Ritchie Blackmore nicht vermisst werden musste. Maik Keller legte flinke Bassläufe unter und Andree Schneider gefiel mit präzisen Schlagzeug-Passagen. Der bleibende Wert der Concerto-Komposition aber entsteht im Zusammenspiel von Rockern und Klassikern, weil sie wirklich zusammen spielen. Weist manch anderes Klassik-Rock-Werk nicht viel mehr auf als ein wenig Geigenschmuck, so lässt Jon Lord Band und Orchester zunächst gegeneinander antreten. Sie machen sich die Leitmotive streitig und versuchen einander zu übertrumpfen.
Erst im zweiten Teil finden die beiden Antagonisten tastend zueinander, um im dritten vereinigt stolz zu triumphieren. Blechbläser und Hammondorgel, Streicher und E-Gitarre spielen sich die Motive zu, schwingen sich zu gemeinsamer Spiellust auf.
Auch gut 40 Jahre nach der Uraufführung ist noch deutlich spürbar, wie gründlich Jon Lord mit dieser Fusion Genre-Grenzen niedergerissen hat. Dass der zweite Teil des Konzertabends mit wohlklingend getrimmten Musical- und New-Age-Songs dagegen abfiel, war zu verschmerzen. (Von Gerd Dehnel)