POTSDAM - Die fromme Legende will dies: Es waren einmal zwei auf dem Schulzenhof bei Gransee, die schrieben unter dem fröhlichen Wiehern der Pferde und dem Wandel der Jahreszeiten kernige Prosa und sensible Poesie, bis einer von ihnen nach langem Leben und ewiger Liebe starb – so dass nun die Witwe (jene mit der Poesie) die Erinnerung an diese Zweisamkeit festhält. Doch Eva Strittmatter, die heute 80 Jahre alt wird, ist keineswegs lediglich „die Frau von Erwin Strittmatter“. Was von der Legende aber bleibt – welche eher von den Lesern im Geiste mitgeschrieben als von dem doch sehr unterschiedlichen Autorenpaar behauptet wurde – ist selbst in ihrem jüngsten Gedichtband „Wildbirnenbaum“ etwas zutiefst Reales. Und das heißt immer auch: etwas Schmerzvolles, Widerständiges, dem Schweigen und dem Alter (oder dem Alltag) skrupulös Abgerungenes.
Eva Strittmatter veröffentlichte mit 43 Jahren ihren Band „Ich mach ein Lied aus Stille“ – „zu einer Zeit also, wo die meisten aufgehört haben, Gedichte zu schreiben“. Und jetzt? Noch immer liedhaft der Ton, noch immer klar und tapfer, wenn auch ohne jede programmatische Dürre: „Zu Ende leben – Das ist es, was noch übrigbleibt./ Doch unterirdisch läuft ein Beben,/ Das oberirdisch Zeilen schreibt.“
Vermutlich gibt es in der deutschen Nachkriegsliteratur keinen Fall, in dem eine Lyrikerin ähnlich populär war – und dies bis heute ist. Freilich gilt dies für den Westteil des Landes weniger als für den Osten, wo Eva Strittmatter eine treue Lesergemeinde besitzt. Doch die Strenge im Aufbau des gereimten Gedichts macht keine Konzessionen an einen wie auch immer dürstenden Publikumsgeschmack: „Ich würde meine Kinder Steine essen lassen./ Nur um zwei Worte zu Papier zu bringen.// Es brandet gegen mich. Wird mich verschlingen.// Geboren wird der Vers als Schrei.// Ihr aber hört mich singen.“
Eine Gestimmtheit ist dies, die sich der politischen DDR-Grammatik – Staatstreue hier, Dissidenten da – verweigerte und Fragen von anderer, existienzieller Dringlichkeit stellt. Es war deshalb durchaus eine Enttäuschung, in Eva Strittmatters Buch-Gespräch mit der Literaturkritikerin Irmtraud Gutschke allerlei Töricht-Ärgerliches zum verdienten Ende der inhumanen SED-Diktatur lesen zu müssen. Andererseits: War und ist nicht die Zimmerlautstärke in ihren Gedichten, die Sorgfalt und Genauigkeit der Wahrnehmung das beste, weil ästhetisch berückende und durch und durch zweckfreie Gegengift gegen jegliche Ideologie und Gewaltherrschaft?
Der Autor dieser Zeilen gesteht deshalb gern, dass er (wahrscheinlich wie unzählige andere) hier in großer Dankesschuld steht. In Jahren immenser Bedrängnis aufgrund von Hochschulverbot, Wehrdienstverweigerung und diversen Vorladungen bei der Staatssicherheit war es nämlich Eva Strittmatter, die ihn mit ihren Büchern und handgeschriebenen Briefen aus Schulzenhof die Gewissheit eines Raums gab, in welchem die Wörter nicht bellten, sondern gesprochen, ja gesungen wurden. Dass auch Schulzenhof in der ummauerten DDR kein Refugium war – die Dichterin hat es häufig bekannt. Darauf aber kommt es letztlich nicht an. Was zählt, ist der Lebensmut und die literarische Kraft, sich von den diversen Gebirgen des Nicht-Sagbaren nicht einschüchtern zu lassen und Zweifel in Worte und Beklemmung in Schönheit zu verwandeln. Dieser großen und auch keinesfalls widerspruchsfreien Verwandlungskünstlerin wird nicht nur heute von ihren Lesern alles Gute gewünscht werden, denn wer könnte je Strophen von solcher Intensität vergessen: „Ich mach ein Lied aus Stille./ Ich mach ein Lied aus Licht./ So geh ich den Winter./ Und so vergeh ich nicht.“
info Marko Martin (40) lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. 2009 erschien sein Erzählband „Schlafende Hunde“ (Eichborn). (Von Marko Martin)