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08.02.2010

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ZEITGESCHICHTE: Bier statt Bomben

Im Lindenpark schlug vor 30 Jahren die Geburtsstunde der freien Potsdamer Kulturszene

POTSDAM / INNENSTADT - Die erste letzte Feier der „Stube“ oben unterm Dach des neuen Klubs der Arbeiterjugend „Spartakus“ in der Schlossstraße 13 war am 27. April 1982. Ihren eigentlichen Erfinder Wolfram Schulze hatte man gerade vom „kulturpolitischen Mitarbeiter“ zum Hausmeister degradiert, in ein Kulturzentrum Am Stern strafversetzt und mit Hausverbot belegt. Der „strenge Verweis“ wurde mit einer ganzen Reihe „gröblichster“ Pflichtverletzungen begründet. Erster Punkt: „Er hat aus Anlass des zweijährigen Bestehens der Veranstaltungsreihe ,Stube’ ein Schriftband zugelassen und nicht entfernt, das die Losung ,Bier statt Bomben’ enthielt.“


Es beginnt im Lindenpark, oben unterm Dach

Begonnen hatte die Geschichte der „Stube“ im Babelsberger Jugendklubhaus Lindenpark, zu dessen Programmstandards „verkehrte Bälle“ zu der Zeit ebenso gehörten wie Jugendtanzveranstaltungen mit weiß gedeckten Tischen. Schulze, der Ende 1979 mit dem frischen Fachschulabschluss eines Kulturhausleiters als Mitarbeiter zum Lindenpark gekommen war, gründete schon wenig später mit Freunden und Gästen wie Roland Radow, Frank Buschner, Ingo Wetzker oder Rainer Fürstenberg, die von dem Programm dort ähnlich angeödet waren wie er selbst, eine neue Veranstaltungsreihe.

Die „Stube“ oben unterm Dach, immer donnerstags, immer das gleiche Ritual – erst Kunst, dann Diskussion, dazu Schmalzstullen und Getränke – schlug ein. In Windeseile entstand ein Kern von Gästen, die mithalfen und mitorganisierten. Am 6. März 1980 war Premiere mit einer Musikformation namens „Polka-Toffel“. Im Programm wechselten Bands, Liedermacher, Theater, Lesungen. Und immer wurde danach darüber und miteinander geredet. Das war das eigentlich Neue.

Und das eigentliche Problem. Am 3. Dezember wurde Schulze erstmals von Stasi-Leuten zu einem langen Verhör abgeholt, die wissen wollten, was denn da so geredet wird. Und die eigentlich schon alles wussten: „Man hatte danach nur die Chance, das allen Freunden zu sagen“, sagt er heute: „Aber der Nachteil war, dass man gemieden wurde: ,Der hatte Kontakt mit der Stasi.’“



„Militärähnliche Übungen“ zum Friedenstreffen

Die „Stube“ schwamm auf einer Erfolgswoge. Die Lesung der Schriftstellerin Christa Wolf am 11. Dezember wurde regelrecht überrannt. Mit Lautsprechern wurde die Veranstaltung für einen Teil des Publikums zur Straße übertragen. Zum Jahreswechsel 80/81 zog die „Stube“ unter das Dach des „Spartakus“- Klubs, der ebenso wie der Lindenpark ein Betriebsteil der „Staatlichen Kulturhäuser“ in Potsdam war.

Die Nagelprobe kam Anfang 1982. Schulze plante ein Friedenstreffen der Stubianer auf der Freundschaftsinsel, das für alle Jugendlichen offen sein sollte, auch für Christen und Pazifisten. Die Öffnung für alle scheiterte jedoch am Veto von SED und FDJ. Schulze beklagte in einem Schreiben an die Vorbereitungsgruppe, dass die FDJ-Kreisleitung das Treffen „nur unter der Losung ,Der Frieden muss gesichert sein, der Frieden muss bewaffnet sein’“ unterstütze. Er kritisierte die offenbar geforderte Berücksichtigung von „Schießständen“ und „militärähnlichen Übungen durch die GST“ (Gesellschaft für Sport und Technik, Red.) bei der Programmplanung für das Friedenstreffen.

Es folgte das Disziplinarverfahren, in Punkt eins beginnend mit Vorwürfen wegen des Slogans „Bier statt Bomben“. Ende Juli 1982 bekam Schulze wegen Herabwürdigung der „Friedensaktivitäten der DDR“ unter dem Decknamen „Janus“ eine Akte als Operativer Vorgang bei der Staatssicherheit. Die Akte wurde geschlossen, als er 1984 nach West-Berlin heiratete.

Die „Stube“ aber gab es weiter, getragen vom alten Kern und von neuen Leuten wie Michael Kroop, der 1983 zum „Spartakus“ kam und 1984 die Leitung des Hauses übernahm. 1984 hatte die „Stube“ den nächsten Skandal: Nach einer Lesung im Herbst wurde der Schauspieler Ralf-Günter Krolkiewicz verhaftet, ins Zuchthaus geworfen und später in die Bundesrepublik abgeschoben.

Am 3. März 1987 schließlich wird der „Spartakus“- Klub überraschend von einem Tag auf den anderen geschlossen – und mit ihm die „Stube“. Grund ist möglicherweise die DDR-Flucht eines Mitarbeiters. Den zum 5. März angesetzten Dali-Vortrag von Charlotte Wasser wird man ein Jahr später nachholen, zur Neueröffnung der „Stube“ oben unterm Dach des Kulturhauses „Hans Marchwitza“ Am Alten Markt.



Ein Schild an der Tür des „Spartakus“

In der Nacht nach der Maueröffnung ist Wolfram Schulze erstmals seit der Übersiedlung wieder in Potsdam. „Morgens um vier bin ich zum ,Spartakus’ gefahren, und da hing ein Schild an der Tür: ,Stube – Die offene Gesellschaft’, das gefiel mir unglaublich gut.“ Denn das war die „Stube“ für ihn: „Studenten neben ihren Professoren, Töchter mit ihren Eltern, Lehrlinge, Arbeiter, Schauspieler, Physiker und Busfahrer, und alle haben miteinander diskutiert. Man ist beglückt nach Hause gegangen.“

1990 wird die „Stube“ als Kneipe unterm Dach des „Spartakus“ wieder geöffnet. Stubianer gründen dort den Verein Kunsthaus Gahlberg-Strodehne, von dem die Besetzung der Schiffbauergasse ausgehen wird, Michael Wegener, Organisator der legendären „Stube“-Gitarrenfeste, wird später lange Jahre Chef des Waschhauses sein. Stubianer sind schließlich dabei, als im November 1990 ein neu gegründeter Trägerverein mit dem Lindenpark aus dem Verband der „Staatlichen Kulturhäuser“ in die freie Szene wechselt.

15 Jahre später wird der Lindenpark e.V. den „Spartacus“- Klub neu eröffnen. Es folgt die große Krise der großen Häuser, das Aus der Trägervereine von Waschhaus und Lindenpark und die – wohl letzte – Schließung des „Spartacus“. Zwei Jahre lang sucht eine Gruppe von Jugendlichen, die den Klub in der Schlossstraße 13 als „Spartacus e.V.“ mit Kultur bespielten, nach einem neuen Domizil. Achim Trautvetter, einer der älteren in dem Verein, recherchiert für ein Referat im Studiengang Kulturarbeit an der Fachhochschule zur Geschichte des alten „Spartakus“-Klubs und der „Stube“. Er spricht mit Michael Kroop, Michael Wegener, Wolfram Arton, ehemals Schulze, und plötzlich gibt es Fragen – wie das eigentlich war, wie es begann?

Nun soll am 6. März, einem Sonnabend, im Kulturzentrum Kuze in der Hermann-Elflein-Straße 10 der 30. Jahrestag der „Stube“ gefeiert werden, offen für alle. Nach der Lesung von alten „Stube“-Texten spielt die Potsdamer Bands „Zhetva“. Das Fest steht unter dem erprobten Motto „Bier statt Bomben“. (Von Volker Oelschläger)



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