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08.02.2010

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BILDUNG: Von der Resteschule zum Vorzeigemodell

Einst machte die Neuköllner Rütli-Schule als „Terrorschule“ Schlagzeilen / Heute melden Eltern ihre Kinder wieder gerne dort an

BERLIN -  Letzten Endes hatte das, was Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) eine „Bildungskatastrophe“ nennt, etwas Gutes. Denn aus der Katastrophe wurde ein Neuanfang mit Modellcharakter. Campus Rütli heißt das wegweisende Projekt, das derzeit in einem sogenannten Problemkiez im Norden Berlin-Neuköllns entsteht. Dort gedeiht eine Bildungslandschaft mit Kitas, Jugendklubs, Schulen, Sozialarbeitern, Elterntreffs und Gesundheitsdiensten, die Kinder quasi von der Wiege bis zum Abitur umgeben soll. 24 Millionen Euro lassen sich Senat und verschiedene Stiftungen das Vorhaben kosten. „Wir haben hier keine gewachsene Struktur, keine gemeinsame Vergangenheit“, sagt Buschkowsky über das Viertel mit dem hohen Einwandereranteil. „Wir müssen aber eine gemeinsame Zukunft schaffen.“

Rückblick: 2006 verkündete das Kollegium der Rütli-Hauptschule die Kapitulation. Die Lehrer kamen mit Gewalt, Respektlosigkeit und Desinteresse auf Seiten der Schüler nicht mehr zu Rande. Die „Resteschule“ wurde zum Synonym bildungspolitischen Versagens. Der Hilfeschrei verfehlte seine Wirkung nicht, wie das kühne Projekt vom Campus Rütli zeigt. Unter dem öffentlichen Druck – selbst japanische und italienische Reporter interessierten sich damals für die „Terrorschule“ – war plötzlich möglich, was zuvor jahrelang vergeblich gefordert wurde.

Mit jungen Lehrern, Sozialarbeitern und einem „interkulturellen Moderator“ herrscht heute an der Schule „ein Geist von Anerkennung, der die Kinder beflügelt“, wie Christina Rau gestern in einer öffentlichen Diskussion mit Buschkowsky in Berlin sagte. Die Witwe von Ex-Bundespräsident Johannes Rau engagiert sich in der Stiftung Zukunft Berlin und ist Schirmherrin des Projekts. Obwohl von dem Campus, der auf 48 000 Quadratmetern entsteht, noch nicht viel zu sehen ist, würden bereits jetzt selbst jene Eltern ihre Kinder dort anmelden, die eine Gymnasialempfehlung haben, sagte sie. Vor vier Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Inzwischen treffen sich Eltern regelmäßig, die zuvor teilweise gar nicht wussten, was ein Elternabend eigentlich ist.

„70 Prozent der Lehrer waren damals Zwangsversetzte, Lehrer aus dem Ostteil der Stadt, die einen Migranten vielleicht mal im Fernsehen gesehen haben“, sagte Buschkowsky, der die Rütli-Affäre ein Produkt „gehirnloser Administratoren“ nennt. Heute ist er froh, dass es zur Kapitulation der Lehrer kam. Ohne den Fall hätte sein Bezirk nie das Geld und die Aufmerksamkeit bekommen, die für die Campus-Vision nötig waren. Ahmad Al-Sadi, der als Moderator zwischen den verschiedenen Kulturen im Kiez und an der Schule vermittelt, meint, mit Geld allein könne man die Probleme ohnehin nicht lösen. „Wir können viele Millionen in solche Projekte stecken. Wenn die Menschen nicht mit Begeisterung dabei sind, kann nichts dabei herauskommen.“ (Von Torsten Gellner)


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