POTSDAM - Der Schwur der „vier Musketiere“ gilt bis heute. Als der Oberhofer Bob-Pilot André Lange und seine drei Anschieber René Hoppe, Kevin Kuske und Martin Putze vor vier Jahren in Cesana/Italien den Olympiasieg im Vierer feierten, verabredeten sie sich auf eine Wiederholung 2010 in Vancouver. Nun reisen die vier Muskelmänner am Mittwoch zu den Olympischen Winterspielen nach Kanada und wollen den „Goldschwur“ von Cesana in die Tat umsetzen.
„Wir lieben uns“, sagt der Potsdamer Kuske ohne Ironie. „Wir sind perfekt eingespielt, das ist unser Vorteil.“ In der Formel 1 des Wintersports entscheiden Hundertstelsekunden über Sieg und Niederlage. Doch das ausgetüftelste Hightech-Material kann die menschliche Harmonie nicht ersetzen.
Deshalb bleibt Kuske ganz ruhig, ja aufreizend cool und lässt in Erwartung des olympischen Showdowns mit den Nordamerikanern und Schweizern die Muskeln spielen. Der 1,95 Meter große und 115,8 Kilogramm schwere Modellathlet geht im Eiskanal ab wie eine Rakete, gilt nicht nur wegen seiner drei Olympiasiege und sieben Weltmeistertitel weltweit als bester Anschieber. Der 31-Jährige hat das Training Saison für Saison perfektioniert, kann seine überragenden physischen Fähigkeiten optimal in die Schubkraft für den Bob einsetzen. Der Oberschenkelumfang beträgt 73 Zentimeter, die Oberarme sind 41 Zentimeter stark und wohlproportioniert mit Muskeln bepackt. Der frühere Sprinter – 10,50 Sekunden über 100 Meter – zieht nun einen mit 15 Kilogramm Gewicht beschwerten Schlitten hinter sich her und schafft die 30 Meter aus dem Stand trotzdem unter vier Sekunden. Im Bankdrücken hebt er locker 150 Kilogramm. Wenngleich ihm Mutter Roswitha – in den 70er Jahren eine Hürdensprinterin der DDR-Spitzenklasse – die Schnelligkeit vererbt hat, legt der Sohn Wert darauf, dass er sich alles hart erarbeiten musste.
Der Sportsoldat stemmt zwar unzählige Stunden das Eisen, noch mehr aber verfolgt er seine Ziele mit eiserner Disziplin. Er trinkt keinen Alkohol, achtet sehr auf die Ernährung „mit viel Eiweß, weniger Kohlenhydraten“. Die Muskeln und den Waschbrettbauch hat sich Kuske mit Köpfchen antrainiert, dabei geht er auch ungewöhnliche Wege. Bei Schwimmtrainer Jörg Hoffmann lässt er sich gern unter die Fittiche nehmen. Selbst im Strömungskanal tobt sich Kuske mit bobspezifischen Übungen aus, wo der Sausewind doch für gewöhnlich auf dem gefrorenen Wasser in seinem Element ist.
Weil Lange nicht auf ihn und Kuske nicht auf Lange verzichten kann, blendet der Hintermann den angekündigten Abschied des Piloten erst einmal aus. „Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, sagt Kuske, der den Gedanken, nächste Saison in einem anderen Team fahren zu müssen, so weit verdrängt hat wie seine letzten Schulaufsätze. Zu sehr sind er und sein Team auf die anstehenden olympischen Entscheidungen fokussiert. Das könnte nur von der eigentlichen Aufgabe ablenken.
Kuske spricht nicht davon, wie vor vier Jahren Doppel-Gold zu holen, aus Aberglauben behält er das für sich. „Wir sind bereit, sind optimal vorbereitet. Nun werden wir sehen, was rauskommt.“ Nachdem das Berliner Institut für Forschung und Entwicklung (FES) offenbar den Materialrückstand aufgeholt und sowohl im Zweier als auch im Vierer zwei konkurrenzfähige Boliden gebaut hat, freut das auch den „Mitfahrer“ Kuske diebisch. „Ich habe im Vorjahr mit meiner Kritik nicht hinterm Berg gehalten, nun haben die FESler gezeigt, dass es doch geht. Da fühle ich mich schon als heimlicher Sieger.“ Es soll ja auch sein Schaden nicht sein, immerhin warten im fernen Kanada besondere Herausforderungen auf Mensch und Material. Der olympische Gigantismus macht die Bahn in Whistler zur schnellsten der Welt, bis 160 Stundenkilometer können möglich sein. „Umso mehr muss alles passen“, findet Kuske, der mit der aus Griechenland stammenden Freundin Vassiliki in Potsdam-West mit Blick auf den Park Sanssouci wohnt.
Seine Liebste und einen Engel samt Rosen als Sinnbild für seine Mutter hat er auf dem riesigen Tattoo verewigt, das sich über sein breites Kreuz spannt. Die Tätowierungen auf der rechten Schulter sind den Olympischen Spielen vorbehalten. Da lässt er Platz bis Sotschi 2014.
Mutter Roswitha Berndt bezeichnet er nicht nur als sein „größtes Vorbild“, sie hat auch seine Sportsachen gewaschen und dabei wegen des olympischen Werbeverbots die drei Streifen auf dem Rennanzug übernäht. Kuske, der das hautenge Textil ohnehin nie über die Waden und die Unterarme zieht – selbst bei minus 20 Grad nicht – schwört auf ein intaktes familiäres Umfeld und freut sich darauf, dass seine Eltern „rüberfliegen“, um bei den Wettbewerben in Whistler als Zuschauer live dabei zu sein. Die Fans daheim werden zu mitternächtlicher Stunde vor dem Fernseher die Daumen drücken.
Die Karriere des dreimaligen „Sportlers des Jahres“ in Brandenburg haben auch die aus Potsdam stammenden Bundestrainer Carsten Embach und Raimund Bethge maßgeblich beeinflusst. Mit Embach saß Kuske noch gemeinsam im Bob, als er 2002 sein erstes Olympia-Gold holte. „Es ist natürlich gut, dass ich ihn bei meiner täglichen Trainingsarbeit gerade im Sommer in Potsdam bei mir habe“, erzählt der Sportler. Bethge, der nach Olympia in den Ruhestand geht, war immer eine Art väterlicher Freund, der seine „schützende Hand“ über den einstigen Heißsporn hielt, der sich Eskapaden ebenso abgewöhnt hat wie Diskobesuche.
Unvergessen das Malheur, als Kuske bei Olympia 2006 in Cesana im zweiten Lauf der Zweier-Entscheidung plötzlich beim Startsprint ausrutschte, bäuchlings auf das Eis klatschte und sich mit turnerischem Geschick doch noch in den Bob hievte. „Daran denke ich nicht mehr, das war schon am nächsten Tag erledigt“, legt der Sportler keinen Wert auf eine neuerliche Psychoanalyse. Für diesen Winter habe er sein Missgeschick schon hinter sich. Es passierte wieder mal in Cesana, beim Weltcup. Sein Haltebügel auf der rechten Seite des Bobs klappte zu schnell ein. Kuske hüpfte im „freien Flug“ in das Kufengefährt. (Von Peter Stein)
Fotos: Joachim Liebe