POTSDAM - Die Firmen der Informationstechnologie (IT) in Brandenburg und Berlin haben die Wirtschaftskrise abgehakt. Nach einer Umfrage des Branchenverbands SIBB, die heute vorgestellt wird und die der MAZ vorliegt, erwartet keine einzige der befragten Mitgliedsfirmen einen Umsatzrückgang im laufenden Jahr, nur rund zehn Prozent gehen von stagnierenden Umsätzen aus. Vor Jahresfrist waren es noch 9,1 Prozent, die einen Einbruch befürchteten, und 18 Prozent, die auf keine Steigerungen hofften.
„Erstaunlich“ und „überraschend“ sind die zwei Worte, die Ortwin Wohlrab, SIBB-Chef, zu den Ergebnissen als erstes einfallen, aber er sei auch „sehr erfreut“, fügt das Mitglied der Geschäftsführung bei der Netfox AG in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) hinzu. Hintergrund der neuen Zuversicht sei, so Wohlrab, dass die Geschäfte bei vielen Firmen in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres so gut liefen, dass sogar der massive Einbruch aus dem Frühjahr aufgefangen wurde. „Viele sind der Meinung, jetzt geht es nur noch aufwärts“, so Wohlrab. Tatsächlich deuten die Zahlen darauf hin. So wollen rund 85 Prozent der Betriebe neue Leute einstellen, vor einem Jahr waren es weniger als 75 Prozent.
Wohlrab betont, es gebe bei den positiven Einschätzungen keinen Unterschied zwischen Berlin, dem Speckgürtel und Firmen in Randlagen, etwa in Cottbus und Frankfurt (Oder). Und noch etwas ist dem SIBB-Chef wichtig: „Die Firmen mussten sich selbst helfen, um die Krise zu überstehen.“ Anders als der Automobilindustrie oder der Baubranche habe der Staat IT-Firmen weder mit Bürgschaften noch mit Millionen aus dem Konjunkturprogramm geholfen. Stattdessen hätten die regionalen Firmen entdeckt, dass sie durch Zusammenarbeit untereinander besser vorankommen. Entsprechend wurden regionale Unternehmenskooperationen von der Hälfte der befragten Firmen als gut oder sehr gut bezeichnet – ein Rekordwert in den vergangenen fünf Jahren.
Ohnehin bekommt die Politik von den SIBB-Mitgliedern schlechte Noten. Nur 29 Prozent der Aufträge kommen aus der Region Berlin-Brandenburg, 45 Prozent der Firmenchefs nennen dieses Auftragsvolumen „unzureichend“. Wohlrab findet es „sehr, sehr ärgerlich“, dass Brandenburger Kommunen und das Land immer noch viel zu selten Aufträge an Firmen der Region vergeben und lieber auf West-Unternehmen zurückgreifen.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) nimmt sich diese Kritik offenbar zu Herzen, wie er der MAZ gegenüber erklärte. Noch gestern wollte er bei einem Treffen mit der Spitze des Städte- und Gemeindesbundes anregen, sich einmal mit dem SIBB zusammenzusetzen, um über die Kritik zu sprechen.
Bei der Gelegenheit könnte Wohlrab noch ein anderes Anliegen vorbringen, nämlich eine stärkere Förderung von Innovationen in Brandenburg. Vor der Landtagswahl hatte er im MAZ-Interview vorgeschlagen, ein Innovationsministerium aus Wirtschaft und Forschung zu bilden – und das fände er, auch wenn es anders gekommen ist, noch heute eine gute Idee. Aber zumindest sollte das Land „das Gaspedal drücken“ und Brandenburg als innovativen Standort positionieren. Ein Beispiel dafür: In ganz Brandenburg finde keine einzige bundesweit bedeutsame Messe statt, beklagt Wohlrab. (Von Andreas Streim)
Finanzierung gesichert
Mit den Banken sind die 4000 IT-Firmen in der Region, die laut SIBB rund 50000 Beschäftigte haben, eher zufrieden. Nur zehn Prozent bezeichnen die Versorgung mit kurzfristigen Krediten als „unzureichend“ (2009: 29,6 Prozent), bei langfristigen Darlehen sind es 20 Prozent (40,7 Prozent).
Risikokapital ist ebenfalls wieder leichter zu bekommen. Nur 21,1 Prozent der befragten Unternehmen beklagen ein unzureichendes Angebot (2009: 58,3 Prozent). Und die Fördermittelvergabe nennt kein einziger Firmenchef mehr „unzureichend“ (2009: 8,3 Prozent). ast