ORANIENBURG - Mehrere Impfstoffe für Kinder sind in Deutschland nicht mehr lieferbar. Auch Kinderärzte im Landkreis Oberhavel sind betroffen. Vielen werden die Vorräte in den nächsten Tagen ausgehen. Grund zur Sorge gibt es für Eltern und Kinder nach Angaben von Medizinern aber nicht, nur wenige warnen vor Risiken.
„Wir sind hier heftig betroffen“, sagt Dietmar Hörster. Der Allgemeinmediziner aus Hohen Neuendorf befürchtet, dass seine Vorräte von „Infanrix-Hexa“ und „Priorix-Tetra“ höchstens bis Mitte nächster Woche reichen. Die beiden Impfstoffe dienen der Frühimmunisierung von Säuglingen und dem Schutz vor Masern, Mumps, Röteln und Windpocken.
Auch Anke Hoffmann, Kinderärztin aus Hennigsdorf, vermutet, dass ihre Impfdosen in zehn Tagen ausgehen. „Die Regale der Großhändler sind leer“, berichtet das brandenburgische Gesundheitsministerium.
Gesundheitsexperten wie Ursel Lindlbauer bereitet der Lieferengpass große Sorgen. Bei einem Krippenkind sei eine Verschiebung der Impfung nicht vertretbar, sagte das Mitglied der Ständigen Impfkommission der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Bei Säuglingen sei die Infektionsgefahr am höchsten, und für sie seien die Erreger lebensgefährlich.
Kinderärzte aus dem Landkreis Oberhavel sehen dagegen keine Gefahr. Die beiden Impfstoffe, die vom britischen Pharmakonzern Glaxo Smith Kline hergestellt werden, sind zwar die Standardmittel in Deutschland, beide Präparate lassen sich aber durch mehrere andere Impfstoffe ersetzen. „Dabei müssen die Kinder nur einige Nadelstiche mehr in Kauf nehmen“, sagt Hörster. „Das ist nicht schön, aber keine Katastrophe.“ Auch eine verspätete Impfung halten nur wenige Ärzte für gefährlich.
Eine „Sauerei“ sei dagegen der Grund des Lieferengpasses, sagt Kinderarzt Hörster. Mehrere Zeitungen haben berichtet, dass ausgerechnet die übermäßige Produktion des Impfstoffes gegen die Schweinegrippe die Produktion von Glaxo Smith Kline ausgelastet haben soll. „Dabei sind die Impfungen für Kinder viel wichtiger“, so Hörster. Auch in der Politik riefen die Lieferengpässe harsche Kritik hervor. „Das ist eigentlich unverantwortlich von den Herstellern“, sagte die SPD Fraktionsvorsitzende Elke Ferner.
Glaxo Smith Kline dementierte gestern die Zeitungsberichte, nach denen es einen Zusammenhang zwischen der Produktion des Schweinegrippeimpfstoffes und dem Lieferengpass bei Kinderschutzimpfungen gegeben haben soll. Die letzte Charge des Sechsfach-Impfstoffes, „Infanrix-Hexa“, habe nicht die Qualitätsanforderungen des Unternehmens erfüllt und wurde nur aus diesem Grund nicht ausgeliefert, sagte Sprecherin Anke Helten. Auf Nachfrage der MAZ räumte das Unternehmen aber ein, dass die Produktion des Schweinegrippeimpfstoffes den Lieferengpass von „Priorix-Tetra“ verursacht hat.
Nach Angaben von Glaxo Smith Kline dürfte der Sechsfach-Impfstoff wieder ab Mitte Februar lieferbar sein. Das Präparat gegen Masern und Röteln werde dagegen frühstens Ende des Monats oder Mitte März verfügbar. (Von Issio Ehrich)