KYRITZ - Nachdem die politische Wende vollzogen war, ergaben sich vor 20 Jahren auch im Kreis Kyritz plötzlich für viele Vereine und Institutionen räumlich völlig neue Perspektiven. So weckte das Gebäude der früheren Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in der Kyritzer Schulze-Kersten Straße 1 eine Menge Begehrlichkeiten. Die kreisliche Musikschule rechnete sich Chancen aus. Und auch die Deutsche Post sah sich schon als künftiger Hausherr. Heute vor 20 Jahren berichtete die „Märkische Volksstimme“ über wichtige Beschlüsse in der Kyritzer Stadtverordnetenversammlung. MAZ erinnert daran, indem der Text in voller Länge veröffentlicht wird. Autorin Kerstin Schwarzbach schrieb damals:
„Endlich ist es geschafft! Das frühere Stasi-Gebäude in der Kyritzer Schulze-Kersten-Straße ist vergeben. Wochenlang hatte es zur künftigen Verwendung heiße Diskussionen, auch in der ,MV’, gegeben. Nun ist klar, die Deutsche Post kann in Zukunft das Gebäude nutzen.
Ausgehend von der vorherigen Stadtverordnetenversammlung wurde eine spezielle Arbeitsgruppe beim Rat des Kreises gebildet, die mit allen Kommissionen der Stadtverordnetenversammlung beriet, deren Standpunkte anhörte, sich mit kompetenten Leuten konsultierte. Auch das ehemalige Institut für Lehrerbildung in der Leninallee (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in der Perleberger Straße/d. Red.) war Ort eines Lokaltermins. Hier galt es zu prüfen, ob die Musikschule dorthin umziehen könne. Das geht nicht, es wird jedoch eine andere Lösung ins Auge gefaßt. Während das frühere Stasi-Haus die Post bewirtschaftet, das danebengelegene kleinere Gebäude die Feuerwehr zurückerhält, soll auch die Kultur zu ihrem Recht kommen. Sie erhält Räume dort, wo sich jetzt noch die Volkshochschule befindet. Die wiederum belegt einen kleinen Teil des schon erwähnten ehemaligen Instituts für Lehrerbildung. Die entsprechenden Verhandlungen können nun aufgenommen werden, da sich alle Abgeordneten für den Beschlußentwurf aussprachen.“
Fast wäre es dazu aber nicht gekommen. Die Stadtverordnetenversammlung war nämlich nur mit 56,4 Prozent beschlussfähig. Von 55 Abgeordneten fehlten 16 entschuldigt, acht unentschuldigt. Von den 12 Nachfolgekandidaten waren vier anwesend. Die restlichen acht hatten Entschuldigungen für ihr Fehlen gebracht. Die schlechte Beteiligung rief die Kritik von Bürgermeister Jürgen Plagemann hervor, der meinte, dass sich jeder Abgeordnete überlegen müsse, ob er wirklich „mitmachen“ will.
Die „Märkische Volksstimme“ ging in ihrem Beitrag noch auf andere Themen ein. Wir lesen: „Was gab es noch am Donnerstagabend? Harte Kritik am Vorhaben des volkseigenen Kreisbaubetriebes, den altersgerechten Wohnblock in der Kyritzer Maxim-Gorki-Straße in diesem Jahr noch nicht fertigzustellen, ja erst im März mit Tiefbauarbeiten zu beginnen. Die Forderung wurde laut, Möglichkeiten zu finden, daß der Wohnblock bis Ende 1990 steht. Im Zusammenhang damit wurde auch die Wohnungsproblematik angesprochen, die nach wie vor unlösbar scheint.“
Einen großen Teil der Diskussion nahm der Vorschlag des Rates der Stadt ein, der den Austritt der Stadt Kyritz aus dem Zweckverband „Kyritzer Seenkette“ zum Inhalt hatte. Stattdessen sollte sich ein eigener Stadtbetrieb „Erholungswesen und Touristik“ herausbilden, der Insel, Strandbad, Bootsverleih, Grünanlagen, Campingplatz und anderes in eigener Regie übernimmt. Dieser Vorschlag wurde bei einer Stimmenthaltung angenommen, d. h., ab 1. April 1990 veränderten sich die Strukturen des Zweckverbandes. „Der Kyritzer Erholungsbetrieb dagegen wird klare Aufgaben zum Tourismus erhalten“, schrieb die Tageszeitung vor 20 Jahren.