Suche der Märkischen Allgemeinen:

Suchbegriff eingeben und abschicken
Auswahl der Suchkategorie

Wetter in Brandenburg:

2ºC
Symbol: aktuelles Wetter in Brandenburg

Metamenu:


Sie befinden sich hier:

  1. » Märkische Allgemeine
  2. » Nachrichten
  3. » Kultur
  4. » Kultur aus der MAZ
10.02.2010

Beitragsfunktionen:

PORTRÄT: Der Grenzgänger

Der Regisseur Werner Herzog leitet die Wettbewerbsjury der Berlinale

Dieses 2010 ist ein besonderes Berlinale-Jahr. So viel lässt sich jetzt schon sagen. Wenn auch noch nicht klar ist, was die Filme dieses Jahrgangs bringen werden, der diesjährige Jurypräsident Werner Herzog verleiht der 60. Ausgabe des Festivals einen speziellen Glanz. Es ist die Rückkehr des verlorenen Sohns.

Herzog lebt seit 15 Jahren in Los Angeles, betreibt dort eine Regieschule und dreht nebenbei Filme mit Mega-Stars wie Christian Bale oder Nicolas Cage. Deutschland den Rücken gekehrt hat er dennoch nicht. Es ist nur so, dass Herzog gern Grenzen überschreitet. Der Mann sucht die Extreme. Ob Berge, Eiswüsten oder Urwald, je gefährlicher und je abgeschiedener, umso besser. In seinem Haus im Hinterland der Glamourmetropole L. A. stehen nachts schon mal die Kojoten vor der Tür.

Dort, in Amerika, findet er die Anerkennung für seine Geschichten und die Inspiration für Neues. Seinen letzten Film in Deutschland drehte er vor zehn Jahren. „Invincible“, das Drama um den jüdischen Riesen Moshe Breitbart, der sein Volk vor den Nazis retten will. Gewöhnlich waren Herzogs Erzählungen, die aus antiken Stoffen schöpfen, aus den großen Mythen und den absonderlichsten Begebenheiten, noch nie: Eine Frau, die vom Himmel fällt und überlebt, ein Mann, der Bestien liebt und zerfleischt wird. Oder jener moderne Prometheus Sweeney Fitzgerald, der im südamerikanischen Urwald ein Schiff über einen Berg zieht, um ein Opernhaus zu errichten. Längst ist „Fitzcarraldo“ ein Meilenstein des deutschen Films.

Herzogs Kino ist Abenteuer, er bannt Trips aufs Zelluloid, spirituell, groß und grotesk. Bei ihm sind Leinwandausflüge immer riskante Seiltänze. In der Reihe Retrospektive auf der Berlinale wird Herzogs frühes Werk „Lebenszeichen“ gezeigt. Erstaunlich, wie der junge Regisseur schon damals seinem unbedingten Formwillen Ausdruck verleiht, wie er seine Figuren in die Landschaften und die Landschaften in die Figuren presst. Menschen und Bilder, immer kurz davor umzukippen in den totalen Wahnsinn. Wie jene Sequenz einer gespenstisch leeren Ebene auf der Insel Kos, wo der Soldat Stroszek sinnlos Wache schiebt. So wie Stroszek die innere Leere mit einer Lava aus Gewalt füllt, so ergießt sich die Hitze unerträglich in die Landschaft. Ein Abgesang auf Arkadien.

„Lebenszeichen“ ist sein erster Langfilm. Ausgezeichnet als bestes Erstlingswerk bei der Berlinale 1968. Da war Herzog gerade 25. Seitdem dreht er im Schnitt jedes Jahr einen Film. Manchmal auch drei. Inzwischen ist sein Œuvre auf über 50 Filme angewachsen. Ein bildgewaltiges, manisches Schaffen. Legendär sind seine Kooperationen mit Klaus Kinski, dem cholerischen, abgründigen Schauspielgenie. Mit Kinski drehte Herzog seine besten Filme und nur unter ihm lief Kinski zu wirklich großer Form auf. Der große Blonde mit dem irren Blick war Herzogs Alter Ego. Ein Besessener, der in den filmischen Grenzbereichen, in denen der Regisseur seine Geschichten findet, stets wie ein Eingeborener wirkte. Wer Herzogs Werk verstehen will, muss sich nur Les Blanks Dokumentation „Werner Herzogs Eats His Shoes“ anschauen. Darin verspeist Herzog vor versammelter Presse tatsächlich einen Schuh, um eine Wettschuld zu begleichen, und um sein Mantra loszuwerden: „Jeder von Ihnen sollte sich eine Kamera nehmen und einen Film machen.“

Herzog versteht das Filmen als Medium zur Selbstermächtigung. Deswegen geht er beim Drehen oft an die Grenzen des Machbaren, besteigt mit Reinhold Messner einen Achttausender im Karakorum-Gebirge, fängt die Welt von Taubblinden ein oder schlägt sich bei minus 50 Grad durch die Antarktis. Nur so kann der Regisseur über sich hinauswachsen und neue, universale Erzählungen produzieren. „Was mich filmisch antreibt, ist die Wut auf die Absurdität des Universums, auf die Unzulänglichkeit und den Mangel, der uns in die Wiege gelegt wurde“, sagt er. Diesen Mangel auszugleichen, hat ihm allerdings den Vorwurf der Selbstinszenierung eingebracht. Oft ist in seinen Filmen nicht zwischen Fiktion und Dokumentation zu unterscheiden, oft verschmelzen die Biografien von Herzog und seinen Protagonisten, überlagert die Persona des Regisseurs die seiner Figuren. Aber ihn ficht das nicht an. Er will immer alles. Für ihn ist Film Lebenskunst.

International wird er gefeiert. In Deutschland gehört Herzog dagegen zu den Unerhörten. Sein letzter Auftritt war 1992, und es endete für ihn mit einem Desaster. Ein wenig bedauert Herzog die mangelnde Anerkennung schon: „Ich weiß auch nicht, warum Deutschland mich aus den Augen verloren hat“, sagte er in einem Interview. Das könnte sich jetzt ändern. (Von Christoph Cöln)


Ein Mann, der immer das Extreme sucht

  • Werner Herzog, 1942 in München geboren, studierte nach dem Abitur Geschichte, Literatur- und Theaterwissenschaften. Parallel entstanden erste Filmproduktionen.
  • Ende 1973 wanderte er in 22 Tagen von München nach Paris, um die kranke Filmkritikerin Lotte Eisner zu besuchen, und sie damit – wie er es nannte – zu retten. Später schrieb er darüber das Buch „Vom Gehen im Eis“.
  • Mitte der achtziger Jahre wandte er sich der Oper zu, inszenierte „Lohengrin“ in Bayreuth und „Fidelio“ an der Mailänder Scala.


Ihre Meinung ist gefragt!

Kultur aus der MAZ von gestern, vorgestern, vor drei Tagen

Aktuelle Angebote aus Ihrer Region

Kulturportal Brandenburg

MAZonline on Facebook

Was halten Sie von der Verkürzung des Wehrdienstes?

Abstimmung


Stimme abschicken
» Zum Ergebnis
» Alle Abstimmungen