Suche der Märkischen Allgemeinen:

Suchbegriff eingeben und abschicken
Auswahl der Suchkategorie

Wetter in Brandenburg:

1ºC
Symbol: aktuelles Wetter in Brandenburg

Metamenu:


Sie befinden sich hier:

  1. » Märkische Allgemeine
  2. » Nachrichten
  3. » Kultur
  4. » Kultur aus der MAZ
10.02.2010

Beitragsfunktionen:

BÜCHER: Klartext

Helene Hegemann hat in ihrem „Axolotl Roadkill“ abgeschrieben – oder sich nur inspirieren lassen?

BERLIN - Jetzt haben wir den Salat. Haben das „Wunderkind“ gelobt, es für seinen Trotz bewundert, dass es nach eigenen Regeln spielt, Erwachsene verachtet, sich auf Heroin einlässt, auf anonymen Sex – ein aufregendes Buch, in dem es mal um alles geht. Um den Willen, Kind zu bleiben. Wir fanden das toll. Wir Erwachsenen. Sie ist so unbürgerlich, diese Helene Hegemann mit ihrem „Axolotl Roadkill“, das sie mit 16 Jahren schrieb. Doch nun regen wir uns furchtbar auf, wir Erwachsenen.

Denn Heroin und anonymer Sex sind ja recht gute, dunkle Unterhaltung, solange es nicht um die eigenen Töchter geht; solange da ein durchgeknalltes Ding ein Buch schreibt, das wir mit Schaudern lesen und dann mit wohlgesetzten Worten rezensieren. Preisen. Wägen. Heroin und anonymer Sex sind theoretisch ziemlich aufregende Sachen, wenn man erwachsen ist und davon in der Praxis nichts mehr mitkriegt. In der Literatur sind sie gut aufgehoben. Aber jetzt kommt der Skandal: Frau Hegemann – wir berichteten es gestern – hat abgeschrieben. Ein paar Passagen. Aus „Strobo“, dem Roman des Autors Airen. Nicht wörtlich, doch beinahe. Jetzt wendet sich das Blatt. Heroin und anonymer Sex, nicht erwachsen werden wollen und Schule schwänzen, das ist so herrlich subversiv, beinahe revolutionär – doch wenn das alles nicht zu unseren Bedingungen geschieht, zu unseren bürgerlichen Standards, dann ist der Ofen aus. Unsere Bedingungen stehen im Bürgerlichen Gesetzbuch. Urheberrechte, Copyright. Das sind so Sachen, an denen wir nicht rütteln. Wir Erwachsenen.

Als wenn Heroin, anonymer Sex und Schulverweigerung sich auch nur ansatzweise auf das Bürgerliche Gesetzbuch einließen. Diese antibürgerliche Haltung, die in jeder Zeile von Hegemanns Buch aufblitzt, wird nun nach bürgerlichen Maßstäben entlarvt und kritisiert und nahezu entzaubert. Jene, die sich besoffen lasen an dem Buch, das eigentlich kein Buch ist, sondern eher ein Hilferuf, und es über den grünen Klee gelobt haben, tauchen empört aus ihrer Trance auf, heben den Zeigefinger und geben den Pädagogen – Pädagogen sind just jene Menschen, gegen die Helene Hegemann mit größter Wut anschreibt. Die Pädagogen sagen: Naja, das ist schon alles toll und irre, was dieses Mädchen schreibt, aber es muss den Rahmen achten, in dem sie arbeitet. Der Rahmen heißt „Literaturbetrieb“, Literaturbetrieb wiederum heißt „akademisch gebildete Welt der Erwachsenen“, und diese Welt lässt sich zwar gern unterhalten, gern auch von einem blonden, jungen, unbotmäßigen Mädchen – dieses Mädchen darf im Buch gern den bürgerlichen Rahmen sprengen, muss dieses Buch als Ware freilich bürgerlichen Paragrafen unterwerfen.

Das Problem ist: Helene Hegemann spricht über das Leben. Die empörten Erwachsenen aber sprechen von Literatur. Helene Hegemann bricht Regeln, an denen sie verzweifelt. Wir, die empörten Erwachsenen, würden verzweifeln, wenn wir keine Regeln mehr hätten, auf die wir uns verlassen könnten.

Helene Hegemann ist 17 Jahre alt. Zuweilen schreibt sie über die Welt im „Berghain“, einem zügellosen Berliner Club. Man darf dort erst mit 18 Jahren rein. Helene Hegemann hat eine Ahnung, dass sich in diesem Club ihr Unwohlsein am Bürgertum, an den Erwachsenen widerspiegelt. Aber sie darf ihn nicht betreten. Sie ist zu jung. Sie muss sich das Milieu, in dem sie sich zu Hause fühlt, anlesen. Dieses Milieu lebt von durchtanzten Nächten. Die Menschen hören dort Lieder, die sich aus Samples speisen. „Samples“ sind Zitate, Versatzstücke aus anderen Songs – mit diesen Samples wird Respekt vorm Original bezeugt. Das bürgerliche Gesetzbuch würde sagen: Samples sind geistiger Diebstahl. Helene Hegemann indessen setzt auf literarische Samples. In der zweiten Auflage ihres bei Ullstein verlegten Buches steht nun ein Dank an Airen, den Autor, aus dessen Stoff sie sich bedient.

Das Milieu, in dem sich ihr Protest manifestiert („Berghain“), verschließt die Tore vor ihr, weil sie noch keine 18 ist. Das Milieu, dem sie ihren Protest vorsetzt, Menschen also, die sie dafür lobten und feierten („Literaturbetrieb“), wenden sich in Teilen von ihr ab, weil ihre Sehnsucht nur aus zweiter Hand zu samplen war. Ein eigenes Bild konnte sie sich bislang nicht machen. Zeit, dass sie 18 wird! Nur noch neun Tage: Am 19. Februar ist es soweit. Dann darf sie rein ins schmutzige, antibürgerliche Leben. Dann hat sie Klartext. (Von Lars Grote)


Ihre Meinung ist gefragt!

Kultur aus der MAZ von gestern, vorgestern, vor drei Tagen

Aktuelle Angebote aus Ihrer Region

Kulturportal Brandenburg

MAZonline on Facebook

Urlaubsreise schon gebucht?

Abstimmung



Stimme abschicken
» Zum Ergebnis
» Alle Abstimmungen