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20.02.2010

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GESCHICHTE: Nachwendekinder beim Fahnenappell

Nuthetaler Jugendliche gingen auf Spurensuche und erforschten das Schulgeschehen im Heimatort nach 1950

NUTHETAL - In der DDR wurde manchmal geübt, wie man sich am besten verhält, wenn ein Krieg – womöglich ein Atomschlag – oder eine andere Katastrophe das Land treffen sollte. Eine ehemalige Schülerin aus Bergholz-Rehbrücke kann sich noch genau an eine solches Training zur „Zivilverteidigung“ (ZV) erinnern. Beim ZV-Unterricht für die 9. Klassen hatten die unteren Klassenstufen die Verletzten zu stellen. Sie lagen dann realitätsnah mit Fleischscheiben auf den Unterschenkeln da und harrten der Dinge, die da kommen werden. Bei einer dieser Übungen warteten sie allerdings lange vergeblich. Es kam weder ein Sanitäter, der die „Fleischwunden“ versorgte, noch ein Lehrer, der endlich sagt: „Ihr könnt wieder aufstehen, der Krieg ist vorbei.“ Man hatte die Verletzten auf dem Schulgelände schlicht vergessen.

Die Anekdote, die auch gut in den Satire-Film „Sonnenallee“ gepasst hätte, ist eine von vielen, die 13 junge Leute vom Jugendparlament und vom Verein „Die Brücke“ ans Licht befördert haben. Sie begaben sich auf Zeitreise, um im zweiten Teil ihrer Mission die Geschichte der Schulen in Bergholz-Rehbrücke von 1950 bis heute zu erforschen.

Zuvor hatten sie bereits die Anfänge seit 1894 recherchiert und in einer Schulchronik dokumentiert (MAZ berichtete). Mit der Erforschung der jüngeren Vergangenheit im Heimatort beteiligen sich die jungen Leute am Projekt „Zeitensprünge“ , das von der Stiftung „Demokratische Jugend“ initiiert wurde und vom Brandenburger Bildungsministerium unterstützt wird.

„Sie sollten sich mit der Geschichte befassen und ein Gefühl bekommen, wie es war, als ihre Eltern und Großeltern zur Schule gingen“, sagt Nuthetals Jugendkoordinatorin Jana Köstel. So zogen die Nachwendekinder also los und suchten ehemalige Schüler und Lehrer, die einst in Bergholz-Rehbrücke die Schulbank drückten. Zwölf Interviews mit Zeitzeugen wurden geführt, alte Dokumente und Abzeichen gesammelt und Bücher über das DDR-Schulsystem, die FDJ und die Jungpioniere gewälzt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden vom 15. bis 23. März in einer Ausstellung in der Aula der Rehbrücker Schule gezeigt.

Von den Zeitzeugen bekamen die jungen Leute ein differenziertes Bild von der DDR gezeichnet. Da wurde erzählt, wie Schüler gemaßregelt wurden, weil sie eine West-Jeans trugen. Und Tadel wurde öffentlich und sehr unpädagogisch mitunter vor allen Schülern beim Fahnenappell ausgesprochen. Auf der anderen Seite kamen Geschichten zum Schmunzeln zum Vorschein. Da ging auf einer Klassenfahrt ein Kind beim Morgensport verloren, weil es beim Laufen abkürzen wollte und falsch abbog. Zwei Stunden dauerte die Suche.

Politische Auseinandersetzungen sind aus den 1980er Jahren überliefert. So erzählte Zeitzeuge Tim Jaeger, heute TV-Journalist beim RBB, wie er der Staatsbürgerkundelehrerin, die zugleich Parteisekretärin der Schule war, sagte: „Die SED-Mitglieder sind im wesentlichen alles Trittbrettfahrer.“ Im Gespräch mit den jungen Spurensuchern schob er die Bemerkung hinterher: „Wobei man nicht den Eindruck entstehen lassen sollte, dass jeder Tag übelstes Leiden unter einer schrecklichen Diktatur war. Es war im Großen und Ganzen ganz nett und fröhlich als Kind... Andererseits weiß ich auch, dass ich damals dachte: Ich will hier raus.“

Tim Jaeger gehörte im Oktober 1989 zu den Mitbegründern der Unabhängigen Bürgerinitiative, die im Wendeherbst in Bergholz-Rehbrücke zum Motor des lokalen Protests wurde. (Von Jens Steglich)


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In diesem Forum gibt es 1 Eintrag

» Herbert | 21.02.2010, 20:30

"Was macht man bei einem Atomschlag?"  (0) 
Ein Stabsfeldwebel erklärte es uns 1988 bei der Reserve so: "Man hängt sich ein weißes Laken um und geht langsam zum Friedhof. Und warum geht man langsam? Damit keine Hektik aufkommt - logo!"

Es ist schon ganz gut, wenn die DDR-Geschichte auf diese Weise für die Nachwelt festgehalten wird und man dies nicht irgendwelchen verbiesterten Ideologen vom Schlage eines Gerhard Löwenqual überlässt. Die DDR war sicher nicht das verlorene Paradies - aber eben auch nicht die Hölle auf Erden. Mit einem gewissen Wohlverhalten kam man einigermaßen zurecht.

Man mag die parlamentarische Demokratie in der Bundesrepublik als das bessere System betrachten. Es ist jedoch keineswegs vollkommen. Ohne die Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderungen wird es auch nicht dauerhaft bestehen können. Der blinde Glaube an stetiges Wachstum und die Allmacht des Marktes kann auf die Dauer ebenso wenig funktionieren wie eine penible Regulierungswut. Nur wenn wir die Ideale der Mütter und Väter des Grundgesetzes und der Menschen, die 1989 in der DDR auf die Straße gingen, hochhalten, haben wir eine Perspektive.

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