BERLIN - Es kommt jetzt vor, dass sie anonyme Anrufe bekommt. Ulrike Poppe hat ihr neues Amt als Brandenburgs Stasi-Beauftragte noch gar nicht angetreten, da melden sich schon jene zu Wort, die finden, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte.
Ulrike Poppe sagt, es seien ehemalige NVA- und Stasi-Offiziere, die ihren Frust jetzt ausgerechnet bei ihr abladen wollen. Männer, die noch immer nicht im wiedervereinigten Deutschland angekommen seien. Einer hat in den Hörer gebrüllt, das hätten sie nun davon, dass sie nicht auf die Demonstranten geschossen hätten im Wendeherbst 1989. Die „chinesische Lösung“ wäre immer noch besser gewesen als Hartz IV.
Ulrike Poppe könnte solche Gespräche abrupt beenden, war sie als Mitbegründerin der Initiative „Frieden und Menschenrechte“ doch selber eine zentrale Figur der DDR-Opposition. Aber das widerspräche ihrem christlichen Selbstverständnis. Sie sagt, jeder habe eine zweite Chance verdient, vorausgesetzt, er bekenne sich zu seiner Schuld.
Die Frau ist die Sanftmut in Person. Eine beinahe verhuscht wirkende Mittfünfzigerin, die sich hinter verschachtelten Sätzen versteckt. Dahinter muss eine Kraft schlummern, die nichts erschüttern kann, denn ohne Menschen wie sie würde es die DDR heute noch geben.
Es ist einer ihrer letzten Arbeitstage in der Evangelischen Akademie in Berlin-Mitte, 5. Stock, Blick auf die mächtige Kuppel des Französischen Doms. Beinahe zwanzig Jahre lang hat sie hier als Studienleiterin für Politik und Zeitgeschichte gearbeitet. Jetzt stapeln sich die Umzugskartons, und beim Blick aus dem Fenster schleicht sich Wehmut in Poppes Blick. Sie sagt, dieser Job habe ihr geholfen, im wiedervereinigten Deutschland anzukommen. Die Akademie sei so etwas wie eine Heimat geworden.
Heimat, das ist ein großes Wort aus ihrem Mund. Es klingt nach Hirschgeweihen an der Wand. Doch in ihrem Arbeitszimmer hängen nur ein Konzertplakat von Eva-Maria Hagen und ein Bild von bunthaarigen Punks. Die Bohème vom Prenzlauer Berg, das ist noch immer ihre Welt.
Beinahe verschämt fragt sie mitten im Interview, ob sie zwischendurch auf der Dachterrasse eine Zigarette rauchen dürfe. In Lederhose und grobgestrickter Wollweste über einem Rollkragenpullover schleicht sie über den Flur. Die Wende liegt jetzt über zwanzig Jahre zurück. Doch Ulrike Poppe sieht noch immer so aus, als komme sie gerade von der Sitzung des Zentralen Runden Tisches der DDR.
Diese Frau also soll die Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur stemmen. Es ist eine Herkules-Aufgabe, da macht sie sich keine Illusionen. Als letztes der fünf neuen Bundesländer hat sich Brandenburg dazu durchgerungen, ein solches Amt einzurichten. Es war Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der damit dem öffentlichen Druck nachgab. Vergangenen Dezember ließ er Ulrike Poppe anrufen. Die beiden kennen sich noch aus der Zeit, als sie am Runden Tisch der DDR saßen, Aufbauhelfer der Demokratie.
Doch das neue Haus entstand auf einem bröckeligen Fundament, und jetzt bestand akute Einsturzgefahr. Immer neue Enthüllungen über frühere Stasi-Verstrickungen einzelner Abgeordneter der Links-Fraktion waren an die Öffentlichkeit gesickert.
Bürger, die unter der SED-Diktatur gelitten hatten, reagierten schockiert. Niemand zwang die Abgeordneten zu reden. Wer sich auf eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst eingelassen hatte, das war unter der Regierung von Plat-zecks Vorgänger Manfred Stolpe (SPD) systematisch unter den Teppich gekehrt worden. Viele retteten ihre Haut unbeschadet über die Wende – nicht nur in der Politik, auch in der Verwaltung. Fast 3000 ehemalige Stasi-Mitarbeiter sollen heute im öffentlichen Dienst arbeiten.
Anfangs schien es, als packe Ulrike Poppe ihr neues Amt beherzt an. Sie setzte einen Etat von 1,6 Millionen Euro durch und auch, dass sie sich ihre sieben Mitarbeiter selber aussuchen kann. Sie hat erreicht, dass die Beratungsstelle im Zentrum Potsdams eröffnet wird und nicht am Stadtrand. Die Stelle wird nicht dem Bildungsministerium, sondern dem Landtag zugeordnet. Das Parlament segnete diesen Wunsch nach mehr Unabhängigkeit gestern geschlossen ab.
Doch jetzt überfällt sie Angst vor der eigenen Courage. „Ich fürchte, dass die Erwartungen an mein Amt viel zu hoch sind.“ Einstimmig hat sie der Landtag im Dezember 2009 für diese Aufgabe gewählt – für sechs Jahre. Vor dem Hintergrund ihrer Biografie war das nicht unbedingt zu erwarten. Für ihr politisches Engagement hat die zweifache Mutter und Ex-Frau des Bürgerrechtlers Gerd Poppe einen hohen Preis bezahlt.
Nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Kunstlehrerin durfte sie kein zweites Studium beginnen. Sie hielt sich mit Jobs über Wasser wie ihr Mann, von dem sie inzwischen geschieden ist, immer im Visier der Stasi. Die hatte in den siebziger Jahren vergeblich versucht, sie als IM anzuwerben. Dann verwanzte die Stasi ihr Wohnzimmer und setzte Agenten auf sie an, um ihre Ehe zu zerstören.
Misstrauisch verfolgten die grauen Herren, wie sie mit Bärbel Bohley die „Initiative Frauen für den Frieden“ gründete und sich international vernetzte. 1983 wurden beide verhaftet. Sechs Wochen lang saß Poppe im Stasiknast Hohenschönhausen. Dann ließ sie das Regime auf Druck der internationalen Proteste frei.
Ulrike Poppe lächelt versonnen. Viele Weggefährten hat die Geschichte verbittert, doch in ihrer Physiognomie hat sie Lachfältchen hinterlassen. Dabei ist der Terror der Stasi auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen. Sie sagt, das sei ihr bewusst geworden, als sie den Knast im Dezember 1989 noch einmal besuchte. „Mir wurde schlecht. Ich musste sofort aus dem Gebäude heraus.“ Von solchen Erfahrungen kann sie zehren. Sie kann sich in die Opfer hineinversetzen. Aber kann sie sich den Tätern unvoreingenommen nähern? Erste Gespräche haben sie bis an ihre Grenze geführt. Sie sagt, es sei jedesmal dasselbe: „Ich schaue in leere Gesichter.“
Es wird ein langer Weg, er erfordert Geduld. Dass sie die mitbringt, hat sie bewiesen, noch bevor sie das Amt offiziell am 1. März antritt. Dem Anrufer, der sich eine „chinesische Lösung“ wünschte, hörte sie in aller Ruhe zu – nicht ohne ihn auf das Leid der deportierten Menschenrechtler aufmerksam zu machen. Nach einer halben Stunde legte er kleinlaut auf. Sie sagt: „Er hat sich sogar für das Gespräch bedankt.“ (Von Antje Hildebrandt)