FRANKFURT(ODER) - So mancher Passant reibt sich in diesen Tagen verwundert die Augen: Denn urplötzlich ist die Oder eisfrei. Wirkte der deutsch-polnische Grenzfluss wochenlang wie erstarrt und versteckt unter einem dicken, schneebedeckten Panzer, ist die Eiswüste jetzt von Stettin bis Ratzdorf wie weggezaubert.
Beobachtet hat dieses „Wunder“ außer den Eisbrecherbesatzungen wohl kaum jemand. Denn es passierte in der Nacht zum vergangenen Sonnabend. „Die Natur hat sich quasi selbst geholfen“, konstatiert Sebastian Dosch, Vize-Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Eberswalde. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „unkontrollierten Totalabriss“ des Eises. Schuld daran waren neben dem Tauwetter Eisaufbruch-Arbeiten auf dem polnischen Oderabschnitt bei Breslau. „Die dort losgelösten Schollen drückten auf die übrige Eisdecke, die dann auch rasant in Bewegung geriet“, erzählt Dosch. Die deutsche Seite sei von dieser Entwicklung überrascht worden, da es zu dieser Eisaufbruchsaktion keine Abstimmung mit den Polen gegeben hatte.
In rasantem Tempo rauschten gigantische Eismassen – teilweise drei, vier Meter hoch – oderabwärts und schließlich in Höhe Küstrin in offenes Gewässer. Denn bis dort war die deutsch-polnische Eisbrecherflotte von Stettin aus über Schwedt und das Oderbruch bereits gekommen. Grundsätzlich erfolgt der Eisaufbruch gegen die Strömung. Die Eisbrecher fahren über die freie Hohensaaten-Friedrichstaler-Wasserstraße bis Stettin, wenden dort und steuern dem in Richtung Norden abfließenden Eis entgegen.
Zeit, das diesmal ohne ihr Zutun ausgelöste Naturschauspiel in der Nacht zum Samstag zu beobachten, blieb den überraschten WSA-Mitarbeitern nicht. „Sie brachten sich und die Eisbrecher in der Warthemündung in Sicherheit und damit quasi aus der Schusslinie der vorbeiströmenden Eismassen“, berichtet Dosch. So eindrucksvoll die Eis-Selbst-Befreiung der Oder auch gewesen sein muss, so gefährlich war sie nach Ansicht des WSA-Experten auch. „Das hätte leicht ins Auge gehen können.“ So aber sei bis auf einen gequetschten Finger glücklicherweise niemand verletzt und kein Deich oder eine Brücke beschädigt worden. Und immerhin: Mit einem Rutsch war die Oder-Eisdecke im Grenzabschnitt verschwunden, die Arbeit der Eisbrecherflotte für das Wochenende und die nächsten Tage erledigt.
Was nun bleibt, sind Restarbeiten. „Das große Eisbrechen ist für diesen Winter vorbei“, ist Dosch überzeugt. Das sich nun bei Stettin und im Oderhaff tummelnde Eis muss von Eisbrechern noch verteilt werden, damit es in die Ostsee abfließt. Eis beseitigt wurde laut Dosch am Montag noch im Slubicer Hafen sowie an der Odermündung in den Kanal bei Eisenhüttenstadt. Gestern begannen polnische Eisbrecher zudem mit dem Aufbruch in der Warthe. „Von dort werden ebenfalls noch einmal Eisschollen in die Oder gelangen, aber nicht mehr in Größenordnungen“, sagt der WSA-Vizechef. Nennenswerte Neueisbildungen auf dem Grenzfluss schließt er aus. „Es gibt zwar immer mal wieder Nachtfröste, aber die sind nicht sehr stark.“
Insofern sind auch die Eisbeobachter des WSA derzeit ohne Beschäftigung. Sie hatten die Oder vor allem an neuralgischen Punkten fest im Blick – dort, wo sich Eisschollen schnell zu Wasser-Barrieren aufbauen. „Das betrifft die Region bei Reitwein, die starke Flusskrümmung nahe Hohenwutzen und die Oderabzweigung nördlich von Schwedt“, sagt Dosch. Eine Hochwassergefahr ist laut Dosch derzeit nicht zu erkennen. Das nun abgeflossene Eis habe wie ein Pfropfen gewirkt und die Pegel zwischenzeitlich dramatisch ansteigen lassen. Da die Eisbarriere weg jetzt weg ist, haben sich die Wasserstände auf der Oder stabilisiert. (Von Jeanette Bederke)
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