Es ist ein Witz, dieses Dorf Kapikiri mit seinen 370 Einwohnern. Ein Witz sind die kleinen Häuser, in denen Menschen, Kühe und Esel wohnen. Ein Witz sind die Gemüsegärten, die Cafés und die Moschee. Ein Witz, weil sich dieses Dorfleben mit den Schreien der Esel, dem Krähen der Hähne und der allmorgendlichen und allabendlichen Prozession der Kühe auf den Ruinen viel größerer Siedlungen und Städte, auf karischen, griechischen und byzantinischen Überresten eingerichtet hat und sich auf den Schichten der Geschichte außerordentlich wohl fühlt. Ein guter Witz also, bei dem man sich zurücklehnt und schmunzelt. So wie sich Orhan Serçin nach dem Abendessen bei einem Glas Raki zurücklehnt und über seinen mächtigen Bauch streicht, am Tisch seiner Pension Agora.
Orhan Serçin war mal Bergführer und Dorfvorsteher. Er ist der Mann, der den Tourismus nach Kapikiri gebracht hat. Das Dorf, weil es sich auf den Ruinen so gemütlich gemacht hat, ist vom Staat mit einem Baustopp belegt worden. Eine Handvoll Pensionen gibt es inzwischen hier am Ufer des Bafa-Sees. „Zeus“, „Athene“, „Endymion“ und „Selene“ heißen die Zimmer in der Pension Agora. Auch da finden sich also die Schichten der Geschichte und ihre Mythen. Die Mondgöttin Selene hatte sich in den Menschensohn Endymion verliebt und wollte ihn ganz für sich haben. In einer Höhle im Latmosgebirge versetzte sie ihren Liebhaber in ewigen Schlaf, besuchte ihn nachts und gebar 50 Kinder. So schön, wie der Mond über dem Bafa-See leuchtet, glaubt man sofort alles.
Mit dem ewigen Schlaf aber ist es in Kapikiri nicht weit her, dafür sorgen gegen sechs Uhr morgens – nacheinander – der Hahn, der Esel und der Gebetsruf von Imam Abdullah Idin. „Zum Morgengebet gehen doch sowieso nur zwei alte Männer, warum störst du dann alle?“, wird Mithat Serçin, Orhans ältester Sohn, den Imam am Abend in der Pension Agora fragen. Der junge Geistliche wird lachen und früh vom angeregten Gespräch mit den Gästen aus Almanya nach Hause gehen: Schließlich muss er uns alle wecken. Und er hat wirklich eine schöne Stimme.
Nach dem reichhaltigen Frühstück, zubereitet von Mithats Mutter Özgün („die Einzigartige“), nimmt Mithat uns mit auf Tour. Eine Stadtbesichtigung, sagt er. Wobei damit natürlich nicht das Dorf Kapikiri, sondern die antike Stadt Herakleia gemeint ist. Zunächst geht es zur byzantinischen Burg am See, der bis ins Mittelalter noch eine Meeresbucht war, bis der Ausgang der Bucht zur Ägäis verschlammte und die Gegend ins Abseits rückte. Dann stiegen wir wieder auf zum Athene-Tempel und zur Agora, dem antiken Marktplatz. In der alten Dorfschule hat Imam Idin seine Wohnung eingerichtet, auf den Mäuerchen und Säulenresten sitzen alte Frauen und wollen Stickereien verkaufen. Auch später, hundert Höhenmeter weiter oben in den Ruinen des Theaters, werden sie noch auf Geschäfte hoffen. Aufdringlich sind sie nicht, aber Mithat ärgert sich über die Frauen. „So wird das nichts mit dem Tourismus hier. Alle verkaufen dasselbe, keiner hat neue Ideen“, schnaubt er.
Mithat jedenfalls hat jede Menge Ideen. Er führt uns durch die Olivenhaine oberhalb des Dorfes. Gerade ist Erntezeit. Mit langen Holzstangen schütteln Männer und Frauen noch an den steilsten Hängen die reifen Früchte von den Ästen, klauben die Oliven von Plastikplanen, die sie unter die Bäume gelegt haben, füllen sie in Säcke ab und beladen die wartenden Lastesel damit. Eine mühsame Arbeit, die sich nur lohnt, weil der Ankaufspreis staatlich subventioniert ist. Mithat aber glaubt, dass das Öl aus den alten Olivensorten mehr bringen könnte. Er will Baumpatenschaften für seine Gäste anbieten und den Paten jedes Jahr Ölflaschen zuschicken. Alles traditionell hergestellt.
Mithat führt uns weiter aufwärts, entlang der alten Stadtmauer von Herakleia, die sich noch 400 Höhenmeter über Kapikiri durch die Berge zieht. Sind wir in der Zivilisation oder in der Natur? Hier oben verschwimmt alles – die Mauerquader und die teils bizarren Felsformationen des Gebirges, das bis 1400 Meter aufsteigt und heute Besparmak (fünf Finger) heißt, die Olivenhaine und die Bergsträucher, die Ruinen der antiken Stadt Latmos und des byzantinischen Klosters. Die Höhlengemälde von Jesus und dem letzten Abendmahl in den früheren Schlupfwinkeln der christlichen Eremiten, und nur ein kleines Stück weiter die frühesten Kulturzeugnisse der Region. Zwischen 8000 und 6000 Jahre vor Christus entstanden, in einer Höhle versteckt, in die wir hineinrutschen müssen, leuchten sie in rostroter Farbe. Zeichnungen von Frauen und Männern, Strichmännchen gleich an der Wand. „Sie sind einzigartig; Sie haben nicht ihre Beute, keine wilden Tiere dargestellt, sondern sich selbst“, sagt Mithat ehrfurchtsvoll.
Weitere Informationen zum Thema Reisen im Internet unter www.
MaerkischeAllgemeine.de/Ratgeber (Von Jan Sternberg)

Hotel & Gastronomie auf MarkischeAllgemeine.de beinhaltet neben Restaurants, Kneipen, Bars und Ausflugslokalen auch Hotels und Hotelrestaurants.
Hier finden Sie alle gastronomischen Einrichtungen in Brandenburg, die bereits in die Datenbank aufgenommen worden sind.
Empfehlen Sie ihr Lieblingsrestaurant oder Hotel durch eine Anmeldung zur Aufnahme in diese Datenbank. Schicken Sie uns eine E-Mail unter Angabe von Objektname, Adresse und Telefonnummer.
Sie betreiben selbst ein Restaurant oder Hotel und möchten in diese Datenbank aufgenommen werden? Dann erweitern Sie Ihre Präsenz und zeigen Sie mehr von sich durch einen Premiumeintrag!
Brandenburg und Berlin liegen im Herzen des neuen Europas. Die Flughäfen der Hauptstadtregion haben sich als Ost-West-Drehscheibe und wichtiger Ausgangspunkt für Flugreisen in alle Welt etabliert. Hier finden Sie alle wichtigen Informationen, um Ihre Flugreise zu planen.
» weiter