LOS ANGELES/POTSDAM - Mit rekordverdächtigen 13 Nominierungen ist Deutschland ins diesjährige Oscar-Rennen gestartet, doch am Ende reichte es Sonntagabend im Kodak Theatre in Los Angeles nur für eine goldene Trophäe. Der haushohe Favorit Christoph Waltz nahm die Auszeichnung für die Darstellung des charmant-zynischen SS-Offiziers Hans Landa in Quentin Tarantinos Nazi-Satire „Inglourious Basterds“ entgegen. Tatsächlich hat der gebürtige Wiener den Part des sprachtalentierten Fieslings so intensiv und feinsinnig verkörpert, dass sich viele Kinobesucher und Kritiker einig waren: Christoph Waltz hat Hauptdarsteller Brad Pitt glatt an die Wand gespielt. Mit 53 Jahren ist Christoph Waltz damit endgültig auf dem Film-Olymp angekommen. In seiner Dankesrede spricht er von den „neuen Kontinenten“, die er immer habe erkunden wollen. „Tarantino hat eine Expedition zusammengestellt und das Schiff ans Ziel gesteuert. Ich kann ihm gar nicht genug danken.“ Nach der Gala sagte Waltz, er habe in jenem Moment eine Art Blackout erlebt. Niemand hatte an seinem Siegeszug gezweifelt, nur er selbst wollte dies bis zuletzt nicht wahrhaben. Die Gewinnprognosen habe er sich „sehr erfolgreich vom Leib gehalten“, verriet der Oscar-Gewinner. Aber als es so weit war, hatte er einen Schock. „Wenn ich jetzt blödes Zeug rede, verzeihen Sie mir bitte,“ entschuldigte er sich bei den Reportern.
Das war es dann auch für Deutschland und Österreich. Für den nach Preisen in Cannes und bei den Golden Globes erfolgsverwöhnten Michael Haneke und sein Team von dem Schwarz-Weiß-Drama „Das weiße Band“ platzten die Oscar-Hoffnungen. Für das brandenburgische Dorf Netzow (Prignitz), in dem der Film entstand, geht das Leben indes normal weiter. „Wir haben in den vergangenen Monaten soviel Öffentlichkeit gehabt wie nie“, sagte die ehrenamtliche Bürgermeisterin Anneliese Globke, die gestern wieder ihrem Job als Postbotin nachging. Auch wenn Hanekes Film den Goldjungen erhalten hätte, wäre ihr Tag nicht anders verlaufen. Sie müsse immer schon früh auf den Beinen sein. Da könne sie keine Live-Übertragung aus Hollywood bis in die Morgenstunden verfolgen. Der Netzower Volker Pagel hat hingegen vor dem Fernseher durchgehalten und ist mit für ihn berührenden Bildern belohnt worden. „Ich habe wie Millionen Menschen auf der ganzen Welt in einem Filmausschnitt unsere Dorfkirche gesehen“, erzählt er stolz. Bessere Werbung für das kleine Dorf in der Prignitz könne es gar nicht geben. Auch Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus ist zufrieden: „Die Filmnation hat ihren Ruf deutlich gefestigt“, ließ sie gestern wissen.
Für die Sensation sorgte bei der 82. Oscar-Verleihung die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow. „This is a moment of a lifetime“, sagte die 58-Jährige, als sie ihre goldene Statue für ihr Irak-Kriegsdrama „Tödliches Kommando“ entgegen nahm. Tatsächlich ist es ein großer Moment: Sie ist die erste Frau in der Geschichte der Oscars, die den Preis für die beste Regie gewonnen hat. Ihr Sieg ist ein Triumph der weiblichen Perspektive in der immer noch von Männern dominierten Hollywood-Welt. Erst dreimal zuvor war eine Frau für die beste Regie nominiert: Sofia Coppola mit „Lost in Translation“ (2003), Jane Campion mit „Das Piano“ (1993) und Lina Wertmüller mit „Sieben Schönheiten“ (1975). „Ich hoffe, ich bin nur die erste von vielen“, sagte die Kalifornierin nach ihrem Gewinn.
Die kleine Independent-Produktion stach mit insgesamt sechs Oscars den Hollywood-Blockbuster „Avatar“ von Bigelows Ex-Mann James Cameron aus. Bigelow verfolgt in ihrem Thriller zwei nervenaufreibende Stunden lang den Job der Bombenentschärfer im Irak. Ein idealer Stoff für diese Frau, die sich in ihrer Arbeit gern mit harten Kerlen und den etablierten Klischees von Männlichkeit auseinandersetzt. Schon in „Blue Steel“ inszenierte sie den Krieg der Geschlechter, zeigte in „Gefährliche Brandung“ Männer auf der Jagd nach der Killerwelle. Nun entwirft sie in „Tödliches Kommando“ ein Kaleidoskop des Krieges im Spiegel der männlichen Seele. „Mein Ziel war, dem Krieg ein menschliches Gesicht zu geben“, sagte die Regisseurin, die eigentlich Malerin werden wollte und mit 30 Jahren in ihrem ersten Film Regie führte. „Tödliches Kommando“ hat die Action-Spezialistin unter härtesten Bedingungen in Jordanien gedreht. „Jeder Tag war eine Art Spiel mit dem Feuer, mit Sandstürmen und der strapaziösen Hitze im Nahen Osten.“ Zu sehen ist dieses Meisterwerk übrigens zurzeit leider nur noch auf DVD.
Die übrigen Oscars wurden am Ende ziemlich überraschungsfrei vergeben: An Jeff Bridges als besten Schauspieler zum Beispiel. Der 60-jährige wurde belohnt für seine Rolle als abgehalfterter Country-Sänger in dem Film „Crazy Heart“. Bridges, der bereits zum fünften Mal nominiert war, jubelte und bedankte sich überschwänglich. Sandra Bullock, die am Vorabend der Oscars noch den Schmähpreis „Goldene Himbeere“ als schlechteste Aktrice für ihre Darstellung in der Komödie „Verrückt nach Steve“ bekam, überzeugte die Oscar-Juroren in einer für sie ungewöhnlichen Rolle in „The Blind Side – Die große Chance“ als reiche Südstaaten-Lady, die einen schwarzen Jungen in ihre Familie aufnimmt. Die Doppelauszeichnung nahm die 45-Jährige mit Humor. „Ich werde beide nebeneinander auf ein Regal stellen, die Goldene Himbeere vielleicht ein kleines bisschen tiefer.“ (mit dpa) (Von Claudia Palma)