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11.03.2010

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GESCHICHTE: Von der Todeszelle in den Hausarrest

Über den schwierigen und schweren Lebensweg des Kommunisten Robert Havemann, der heute seinen 100. Geburtstag feiern würde

Bernd Florath (55) ist Mitarbeiter der Stasiunterlagen-Behörde und hat Schriften und Nachlass von Robert Havemann herausgegeben. Mit ihm sprach Ralf Schuler.

MAZ: Herr Florath, wie würde Robert Havemann seinen 100. Geburtstag feiern?

Bernd Florath: Er würde viele Freunde zu sich nach Grünheide einladen und eine sehr fröhliche Party abhalten.

 

War er ein lebensfroher Mensch?

Florath: Durchaus. Er war immer ein Mensch, der das Leben auch zu genießen wusste, mit vielen Freunden und einem guten Tropfen. Robert Havemann war sich seiner Stellung und Rolle in der DDR bewusst, hat aber nie einen Kult daraus gemacht.

 

Der Lebensweg von Robert Havemann ist alles andere als geradlinig: Widerstand gegen die Nazis, Zuchthaus in Brandenburg/Havel, Stasi-Mitarbeiter und schließlich Staatsfeind Nummer eins...

Florath: Er ist als einer der Köpfe der Widerstandsgruppe „Europäische Union“ – das war die Selbstbezeichnung dieser internationalen Gruppen von Deutschen, Ukrainern, Franzosen, Tschechen, Belgiern und Schweden – 1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden und wartete in Brandenburg im Todestrakt auf seine Hinrichtung. Dass die Vollstreckung immer wieder aufgeschoben wurde, hatten Wissenschaftler-Kollegen raffiniert eingefädelt, indem sie erklärten, Havemann forsche an einem kriegswichtigen Projekt, das nur er beherrsche und das wichtig sei für den „Endsieg“.

 

War das Projekt tatsächlich so „kriegsentscheidend“?

Florath: Er hat es verstanden, diesen Eindruck zu erwecken. Die Juristen konnten es als wissenschaftliche Laien nicht einschätzen, und diejenigen, die es einschätzen konnten, kollaborierten mit Havemann.

 

Hat Havemann in Brandenburg auch Erich Honecker getroffen?

Florath: Getroffen haben sie sich wohl nicht, was auch daran lag, dass Honecker meist in Außenkommandos beschäftigt wurde, während Havemann als Todeskandidat in einem abgeschlossenen Trakt einsaß und lediglich Kontakt zu Kalfaktoren hatte, die sein Essen brachten. Weil seine Forschung als so wichtig galt, war sie auch geheim. So geheim, dass nicht einmal die Vollzugsbeamten in den Raum hinein durften. In seinem Labor war er so unbehelligt, dass er sich ein Radio bauen und Feindsender abhören konnte. Die Zusammenfassung der Nachrichtenlage schrieb er dann einzeilig auf ein A4-Blatt und gab es dem Mittagessen-Kalfaktor mit, der es an die anderen Häftlinge verteilte.

 

Das war vermutlich nicht ganz ungefährlich?

Florath: Er sagte sich wohl: Ich bin zum Tode verurteilt, und hinrichten kann man mich nur einmal.

Das Kriegsende muss unter diesen Umständen eine ganz besondere Befreiung für Havemann gewesen sein.

Florath: Es war buchstäblich ein Panzer der Roten Armee, der auf den Hof des Zuchthauses fuhr. Diesen 27. April hat er auch als seinen zweiten Geburtstag bezeichnet, an dem ihm das Leben noch einmal neu geschenkt wurde. Jeder Tag danach war für ihn wie eine Zugabe, ein Geschenk.

 

Wie muss man sich nun aber den Weg Havemanns von einem dankbar Befreiten zum erbitterten Kritiker der Befreier vorstellen?

Florath: Wenn ich eine Grundeigenschaft von Robert Havemann beschreiben sollte, würde ich seine Neugier nennen. Er hat sich immer für die Dinge interessiert, die nicht mit dem übereinstimmten, was er bisher schon wusste. Die Widersprüche haben ihn interessiert, die Dinge, die versteckt wurden, über die man nicht sprach. Und so war es fast schon zwangsläufig, dass er sich früher oder später an den Verhältnissen in der DDR reiben würde, die er selbst mit aufgebaut hatte.

 

Er war zunächst glühender Verfechter des sozialistischen Aufbaus?

Florath: Voll und ganz, die DDR war für ihn der Alternativentwurf zu den Nazis. Und er hat dann durchaus Macht im Sinne des neuen Regimes ausgeübt und beispielsweise an der Humboldt-Universität christliche Studenten verfolgt. Er hat die Relegierung der Mitglieder der Jungen Gemeinde selbst unterschrieben. Und doch reifte dabei unmerklich auch seine Erkenntnis, dass das nicht rechtens sein könne: „Die Studenten waren schüchtern, aber sie hatten trotzdem ihre Würde. Sie waren hilflos. Ich repräsentierte die Staatsmacht.“ – So beschrieb Havemann die ihn irritierende Situation Jahre später.

 

Gab es für seine Abkehr vom SED-Regime ein Schlüsselerlebnis oder ging das schleichend vor sich?

Florath: Es war ein Prozess, der durch Ereignisse wie etwa die Geheimrede von Chruschtschow einen deutlichen Schub bekam. Die war für ihn deshalb so eine Eröffnung, weil er merkte, dass die Propaganda der Nazis in diesem Punkt, was die Greuel unter Stalin betrifft, nicht nur gefälscht war. Die Nazis haben mit jedem Wort gelogen, das sie gesagt haben, aber hier hatten sie zynisch mit der Wahrheit gelogen. Das war eine schwere Erschütterung für Havemann, der nun anfing, alles noch einmal zu hinterfragen, was ihm bis dahin als gesichert galt. Ein Prozess, der sich über Jahre hinzog. Es macht in meinen Augen die Größe dieses Mannes aus, dass er sich nie mit einer abgeschlossenen Meinung zurückgelehnt und zufriedengegeben hat. Das galt übrigens auch für seine wissenschaftliche Arbeit. Er war im Grunde einer der Väter der friedlichen Nutzung der Kernenergie in der DDR. Als Anfang der 70er Jahre die ersten Berichte des Club of Rome über die Umweltprobleme erschienen, revidiert er sich grundsätzlich in seiner Position.

 

Wie kam es denn dann zu den inkriminierten „Dialektik-Vorlesungen“ , die ja über Chemie und Physik hinaus gingen?

Florath: Havemann hatte eine schwere Kontroverse mit seinen Kollegen, die Marxismus-Leninismus lehrten, als sei es eine Religion und das Ganze dann als Philosophie verkauften. Es gab da öfter Fälle, wo sich diese M/L-Professoren zu naturwissenschaftlichen Dingen äußerten, die einfach falsch waren. Aus diesem Streit entstand die Vorlesungsreihe „Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme“.

 

Das klingt aber nicht nach einer Kampfansage an die SED, die man im Politbüro hätte fürchten müssen.

Florath: Nein, das war es auch nicht. Die Vorlesungsreihe, die 1963/64 zum Bruch führte, hielt er ja schon seit Jahren und wurde in seiner Sicht übrigens von der halben Parteiorganisation der Humboldt-Universität unterstützt. Havemann stand nicht allein. Selbst Kurt Hager, der sogenannte Chefideologe der SED, wusste davon und schritt nicht ein.

 

Wann und warum kippte das dann?

Florath: Es kippte Ende 1963 Anfang 1964, als sich der Apparatschik-Flügel der SED durchsetzte. Bis dahin hatte auch Walter Ulbricht seine Hand über Havemann gehalten und den Berliner SED-Chef Paul Verner, der Havemann kritisierte, in seine Schranken gewiesen. Ulbricht wurde aber wohl klar, dass er den Apparat der alten Funktionäre brauchte. Im Januar 1964 wurde zunächst der Parteisekretär der Humboldt-Uni, Werner Tzschoppe, abgesetzt, wenig später begann die Generalabrechnung mit Havemann. Hinzu kommt ein historischer Zufall: Ein westdeutscher Journalist, der sich als Student ausgab, fragt Havemann zwischen Tür und Angel, ob er seine Vorlesungen fortsetzen werde. Havemann bejahte. Allein die Tatsache, dass er einer Westzeitung ein „Interview“ gegeben hatte, genügte, um ihn von einem Tag auf den anderen als Professor zu entlassen, aus der SED auszuschließen und politisch kaltzustellen.

 

Gab es später Versuche der SED, sich Havemann wieder zu nähern?

Florath: Nein. Da wurden alle Brücken abgebrochen. Es hat eine Weile gedauert, bis Havemann das in seiner ganzen Tragweite begriffen hatte. Das Einzige, was blieb, war eine Art menschliche Brücke, die mit der Hafterfahrung in Brandenburg zu tun hatte. Als Mitte der 70er Jahre der Schriftsteller Siegmar Faust aus politischen Gründen im Gefängnis saß, hat Havemann an Honecker geschrieben, sie beide wüssten aus gemeinsamer Erfahrung, wie das ist und seien sich doch einig gewesen, dass nie wieder jemand wegen seiner Überzeugungen im Knast sitzen solle. Man solle Faust freilassen. Wenig später bekam Havemann in Grünheide Besuch von einem, der den Brief kannte und erklärte: Wir kümmern uns darum. Danach kam Faust raus.

 

Zum Schluss, berichten Zeitzeugen, war Havemann vom baldigen Scheitern der DDR überzeugt. Wie kam es dazu?

Florath: Mitte der 60er Jahre hatte Havemann noch die Hoffnung, dass die SED einen Weg hin zu Freiheit und Demokratie in der DDR einleiten würde. Spätestens mit dem Prager Frühling zerschlug sich diese Hoffnung. Ein Jahrzehnt später, Mitte der 70er Jahre, war in ihm die Überzeugung gewachsen, dass er seine Vorstellung eines Sozialismus der Freiheit und der Demokratie nur noch gegen die herrschenden Funktionäre durchsetzen konnte. Er hatte zu diesem Zeitpunkt keine Illusionen mehr, weil er die Akteure kannte und wusste, wozu sie fähig waren. Anfang der 80er Jahre sympathisierte er sehr mit den jungen Gruppen der Friedensbewegung, weil die sehr offen und demokratisch organisiert waren. Da gab es keine Konspirativität, die der Stasi Vorwände hätte geben können, und das war ihm sehr nah. „Für eine freie Friedensbewegung auch in der DDR“ hieß sein letzter Artikel in der Frankfurter Rundschau am 25. März 1982, zwei Wochen vor seinem Tode.

 

Gleichzeitig blieb Havemann aber bis zum Schluss Sozialist oder gar Kommunist. Wie geht das zusammen?

Florath: Es gibt ja dieses wunderschöne Biermann-Lied über den Prager Frühling, in dem es heißt: „Der Kommunismus hält wieder im Arme/ die Freiheit und macht ihr ein Kind/ das lacht“ – Kommunismus verbunden mit Freiheit und nicht verbitterte, sondern lachenden Kinder – das war Robert Havemanns Kommunismus. Und der hat mit dem real existierenden Sozialismus überhaupt nichts zu tun. Er wollte eine freie und gerechte Gesellschaft, in der sich nicht alles nur darum dreht, den Individualprofit zu maximieren. Eine Gemeinschaft freier und solidarischer Bürger, das war seine Vision.

 

Würden Sie eine Spekulation wagen, welcher politischen Partei Robert Havemann heute nahe stünde?

Florath: Ich halte es für vollkommen illegitim, ihn für irgendeine der heutigen Parteien in Beschlag nehmen zu wollen. Da gibt es ja ironischerweise im Osten eine große Partei, die das tut, obwohl ihre Vorgängerpartei Havemann eingezäunt und kujoniert hat. Ich bin mir nur über eines sicher: Er würde jeder Partei, die heute existiert, die Leviten lesen, und er würde sich in keiner zu Hause fühlen.

 

Welche Bedeutung hat Robert Havemann für den Wandel und die Wende in der DDR gespielt?

Florath: Er hat durch seine Schriften im Westen, die vielfach den Weg zurück fanden, stark in die DDR hinein gewirkt. Auch bei seinen Buch-Verträgen hat er stets darauf geachtet, dass er möglichst viele Frei-Exemplare bekam, die er dann verschenken konnte. Havemann hat sehr viele Leute angeregt. Es haben sich viele an ihm gerieben, aber er war auch ein Beispiel, wie man in der DDR aufrecht leben konnte. Er hat das System kritisiert und den Herrschenden gleichzeitig ihre Ideologie aus der Hand gerissen. Er hat ihnen ganz klar gesagt: Das, was ihr hier macht, ist alles Mögliche, aber kein Sozialismus. Sozialismus ist von Freiheit und von Demokratie nicht zu trennen. Er war ein Sozialist, der den (realen) Sozialismus kritisierte und anderen Menschen damit viel Mut gegeben hat.


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