COTTBUS - Immer weniger Leute leben in Brandenburg? Ganze Landstriche entvölkern sich? Nicht, wenn man in der Statistik den Anteil der Künstler zum Maßstab nimmt. Offenbar reizt sie nichts so sehr wie Brachland bis zum Horizont und ein selbstbestimmtes Leben in leer stehenden Gehöften, Mühlen und Fabriken. Jedenfalls verbreiten sie ihre „Mark-ierungen“ in den weiten Ebenen Brandenburgs und liefern so das Wortspiel, das die jüngste Ausstellung im Cottbuser Dieselkraftwerk im Titel trägt.
Nicht dass die zwölf, die dort vertreten sind, allesamt der Berliner Szene entfliehen. Aber die gemeinsam jurierte Auswahl des Museums mit dem Künstlerverband des Landes kehrt doch Eigenschaften eines Landstrichs hervor, die in der Einsamkeit, der Stille und den Hinterlassenschaften der Geschichte zu finden sind. Diesem Sog überlässt sich so mancher Künstler und sucht sich Refugien mit Namen wie „Wilhelmsauer Kulturladen“ oder „Atelierhaus Panzerhalle“.
Da steckt auch der Wille dahinter, mit Kultur ein trotziges Lebenszeichen zu setzen. Schade daher, dass im Museum nichts Näheres über diese Außenposten einer letzten Ostmission zu finden ist. Manch einer würde vielleicht aufbrechen, um bei Ateliertagen, Ausstellungszyklen und Kunstprojekten die verborgenen Farben der Einöde zu entdecken. Der Schleier der Melancholie, der überall hindurchschimmert, gibt ihnen einen besonderen Reiz. Die gebürtige Bremerin Gudrun Venter etwa lässt sich im Havelland zu einer ins Abstrakte gleitenden Landschaftsmalerei anregen. Erd-, Wasser- und Lufttöne verschwimmen, während sparsame Akzente in kräftigen Rottönen die vorherrschende horizontale Gewichtung betonen.
Diese atmosphärische Weichheit des Landschaftlichen wird bei Solveig Karen Bolduan lebhaft farbig und in Schichtungen strukturiert. Die Künstlerin ist in Klein Loitz bei Spremberg eher als Bildhauerin tätig und gibt davon mit ihren „Stofftieren des Königs“ Zeugnis. Der Preußenmythos kann beim Thema Brandenburg ja nicht fehlen: Wo Bolduan ihn mit zwei Windspielen in bunten Flicken heiter anspricht, will ihn ihr Nachbar im weißen Kubus, der Kleinmachnower Maler Rainer Ehrt, ins Sarkastisch-Gesellschaftskritische wenden, sichtlich befangen in den expressionistischen Mitteln der DDR-Malerei der 80er Jahre.
Die Elemente des Grafischen in einer Landschaft der Ackerfurchen, der schnurgeraden Wege und klaren Horizonte findet sich in der Collage Ilse Wincklers wieder. Sie will mit dem chaotischen Liniensalat von Strickmusterbögen die sicht- und unsichtbaren Vernetzungen aufzeigen, die selbst die ödeste Landschaft heute durchziehen, in Windparks und Mobilfunknetzen. Und wo Brandenburg ist, da ist auch Tagebau. Heidrun Rueda sucht nach einer Interpretation der geschundenen Landschaften aus dem Geist der Romantik. Jedenfalls rückt sie in der Art von Caspar David Friedrich gedankenverlorene Betrachter in Rückenansicht ins Bild, die freilich der digitalen Ästhetik neuer Medien verpflichtet sind und letztlich auf die verwischten Fotogemälde von Gerhard Richter verweisen.
Schon längst behauptet die Fotografie in thematischen Ausstellungen dieser Art ihren Platz. In der Hand von Fritz Fabert wird sie zu einem Instrument empirischer Industriearchäologie. Doch während er zurückgelassene Relikte einer Arbeitswelt schaffender Hände in Schaukästen sortiert, stellt Jonas Ludwig Walter als jüngster der Teilnehmer den Menschen ins Blickfeld – gealterte Mitglieder aus der Belegschaft der Papierfabrik Hohenofen in der Prignitz. Zur Wende stillgelegt, „brach hier alles zusammen“, wie es ein ehemaliger Maschinist sagt, „nicht nur die Fabrik“. Die Zitate der Porträtierten versammeln in den Bildunterschriften die verklärte Erinnerung an eine Welt anscheinend unerschütterlicher Gewissheiten, die sich nicht nur in Brandenburgs Provinz als unhaltbar erwies.
info „Mark-ierungen“: Kunstmuseum Dieselkraftwerk, Am Amtsteich 15, Cottbus. Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr. Bis 11. April. (Von Günter Kowa)