PRITZWALK/PERLEBERG - Sie kann sich erst erinnern, als sie das völlig vergilbte Blättchen mit den Aufschriften „Märkische Volksstimme“ und „Aus dem Kreis Pritzwalk berichtet“ in Händen hält: „Huch, bin ich da noch jung“, sagt Jutta Schröder. Die 52-Jährige erinnert sich wieder, wie sie vor genau 20 Jahren fotografiert wurde. Im März 1990 war in dieser Vorgängerausgabe der Märkischen Allgemeinen Zeitung zu lesen, wie die damals 32-jährige Angestellte beim Rat des Kreises Pritzwalk die Wahlbenachrichtigungen für die erste freie Wahl zur Volkskammer der DDR verpackt.
Es waren jene Benachrichtigungen für die Wahl, bei der auch die Prignitzer Stimmen zu einer schnellen Wiedervereinigung beitrugen. Die meisten erinnern sich erst an diesen 18. März 1990, heute vor genau 20 Jahren also, wenn sie darauf gestoßen werden.
„Oh je“, sagt Fred Pogalski, der heute Pritzwalks Bürgermeisterbüro leitet: „Die Kandidaten von damals fallen mir nicht mehr ein.“ Auch Pogalski wurde für die „MV“ abgelichtet. Er kümmerte sich um die Wählerlisten. Sie lagen öffentlich aus, damit sich jeder überzeugen konnte, dass er verzeichnet ist.
Die Volkskammer-Kandidaten aus dem Altkreis wurden noch am Tag vor der Wahl in der Zeitung vorgestellt: Heike Jähnert (Jugendliste), Erika Otto (DFD), Hans-Jürgen Oehring (NDPD), Frank Schlabach (CDU), Hans-Jörg Schneider (PDS), Andreas Schön (Neues Forum/Bündnis 90), Reinhard Götze (SPD), Erwin Grünke (DBD), Ulrich Kieback (DBD), Peter Hubatsch (LDP).
Wie die Wahl vorbereitet wurde, darüber gab Danuta Schönhardt, die heute in der Prignitzer Landkreisverwaltung arbeitet, im März 1990 im Interview Auskunft. Da leitete sie das Organisationsbüro und berichtete, wie aus Westberlin 20 Wahlkabinen besorgt werden mussten. Für alle Lokale Wahlvorstände zu bilden, sei problemlos gewesen. Entsprechend war auch der Andrang in den Kabinen: Mit 95 Prozent lag die Wahlbeteiligung im Kreis noch über Landes- und Bezirksdurchschnitt von jeweils etwas mehr als 93 Prozent. Auch im Altkreis schaffte die CDU aus der „Allianz für Deutschland“ einen klaren Sieg mit 42 Prozent, gefolgt von der SPD mit 27,2 Prozent und der PDS mit 14,1 Prozent.
„Aufregende Tage“, erinnert sich Pogalski. „Nach der Wahl mussten wir wichtige Unterlagen nach Potsdam zurückbringen. Dabei begleitete uns ein mit Maschinenpistole bewaffneter Polizist.“ Unterwegs sollte ihnen ja nichts passieren. Dabei blieb es. In der gesamten DDR verlief alles weiterhin friedlich.
Nun wird die heutige Sekretärin des stellvertretenden Bürgermeisters, die mal als Telefonistin anfing, im Juni seit genau 30 Jahren in der Pritzwalker Verwaltung arbeiten: Jutta Schröder. Sie wird dann wohl auch mit Annette Hahn anstoßen, der Frau neben ihr auf dem vergilbten Foto, die jetzt in der Kämmerei arbeitet. Es ist ein Dienstjubiläum im Jahr der Einheit. (Von Matthias Anke)