POTSDAM - Artikel 20, Absatz 2: „Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens.“ Noch Fragen? Doch, Claudia Rücker und Andrea Szatmary hatten welche. Das, was die Verfassung der DDR garantierte, wollten die beiden Kuratorinnen nämlich mit dem abgleichen, was gelebte Wirklichkeit war. Ihre Ausstellung, die heute im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) eröffnet und morgen fürs Publikum freigegeben wird, konjugiert nun das Leitbild von der „Frau im Sozialismus“ am konkreten Beispiel „Sibylle“ durch. Die Genese dieses Printmediums ist das Vehikel, mit dem erkundet wird, wie „Modefotografie und Frauenbilder in der DDR“ zusammenpassten.
Trotz einer 200 000er Auflage war die Zeitschrift von 1956 bis 1989 „Bückware“. Als sie es nicht mehr hätte sein müssen, war die gesamtdeutsche Konkurrenz zu groß: 1995 gab die Redaktion auf. Ein Archiv hinterließ sie nicht, was die Recherche, wie Andrea Szatmary bestätigt, nicht eben erleichterte. Umso beachtlicher ist das Material, das sie von ehemaligen „Sibylle“-Machern ausleihen und kommentieren lassen konnte. Auf schwebenden Tafelbändern, die von der Leipziger Agentur Kocmoc.net entworfen wurden, sind also ausgewählte „Sibylle“-Fotostrecken mit O-Tönen der Redakteurinnen, Models und Fotografen kombiniert. Im Dachgeschoss wird dann die „Frau im Sozialismus“, wie sie sich die patriarchale Politbürokratie zurechtbog oder -log, mit der Realität jener „Wäscherinnen“ konfrontiert, die Ingrid Hartmetz 1984 in Bad Freienwalde ablichtete. Was die Gleichberechtigung betraf, bescheinigte sich die SED ein „Es ist vollbracht“! Statistische Tatsache war ein auffällig höherer Prozentsatz von Frauen in Niedriglohnberufen. Auch dass eingeübte Geschlechterrollen aufgehoben worden seien, kann nicht behauptet werden.
An sieben Hörstationen ist abrufbar, woran sich „Sibylle“-Leserinnen erinnern. „Sie hatte eine Ventilfunktion“, konstatiert da Ursula Schroeter, Jahrgang 1957. „Ein Satz, der die Ambivalenz zwischen partieller Zustimmung und widerständiger Distanzierung verdeutlicht, mit der die ,Sibylle’ produziert und konsumiert wurde“, sagt HBPG-Chef Kurt Winkler. Oder wie es Claudia Rücker formuliert: „Einerseits hat sie den Alltag bunter gemacht und Blicke in die weite Welt gestattet, andererseits hat sie Träume verkauft, die fiktiv bleiben mussten, und damit eine ideologische Funktion erfüllt.“ Kurzum: Sie balancierte zwischen Sein und Schein.
Der Anspruch des Heftes war, die „berufstätige, selbstbewusste, emanzipierte Frau“ zu zeigen – und zwar so kreativ und frech, wie es im Rahmen des von der Partei Erlaubten möglich war. Für diesen Zweck wurden Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Ute Mahler, Roger Melis oder Günther Rössler mit ihren Kameras engagiert, die Mode- und Porträtfotografie eigenwillig miteinander verquickten. Natürlich wurde pflichtgemäß berichtet, was DDR-Modeinstitut und VHB Exquisit für Trends hielten, aber eben auch, was gerade im Westen „in“ war. Offiziell und privat Geschneidertes ist deshalb in Vitrinen ausgehängt.
Klar wurde die „Sibylle“ zensiert, formal von der Frauenkommission des ZK der SED, praktisch – einmal wöchentlich während der „Rotlichbestrahlung“ – von der Abteilung Agitation des ZK der SED: Mal missfiel ein zu kurzer Rock, mal rauchte ein Fabrikschlot im Fotohintergrund oder ließ ein Bauzaun Assoziationen übers Eingesperrtsein zu. Interessant ist freilich, dass immer erst nach Erscheinen kritisiert wurde. Die „Schere im Kopf“ der Blattmacher schnitt offenbar zuverlässig.
Nein, eine Bastion der Opposition war die „Sibylle“ nie. Aber sie nahm sich die künstlerische Freiheit, etwas anders als mausgrau zu sein. Das genügte, um ihr zwischen Ostsee und Erzgebirge für Zwischentöne sensibilisierte Stammkundinnen zu sichern. Für die ist jetzt der Potsdam-Besuch ein Muss. (Von Frank Kallensee)
info „Sibylle – Modefotografie und Frauenbilder in der DDR“: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte/Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. Di-Fr 10-17 Uhr, Sa-So 10-18 Uhr. Vom 13. Mai bis 22. August.