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15.06.2010

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SICHERHEIT: Totenstill und eiskalt

Unfallserie in Heilstätten / Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen Eigentümer

BEELITZ - Am Wochenende ist es wieder passiert: Beim Sturz in einen Heizungsschacht auf dem Gelände der ehemaligen Beelitzer Lungenheilstätten hat sich ein 32 Jahre alter Mann schwer verletzt. Es war der dritte gravierende Unfall binnen eines Jahres.

So langsam verliert man bei Polizei und Staatsanwaltschaft die Geduld. Mittlerweile läuft gegen die Besitzer des Geländes ein Ermittlungsverfahren wegen „fahrlässiger Tötung durch Unterlassen“, wie Polizeisprecher Heiko Schmidt gestern bestätigte.

Anlass ist der Tod eines 25-Jährigen Mannes aus Jüterborg vor wenigen Wochen. Er war in einem Geisterkostüm nachts durch die Ruinen geklettert und in die Tiefe gestürzt. In dem Verfahren, das sich gegen den Chef der Projektentwicklungsgesellschaft Beelitz-Heilstätten (PEG), Torsten Schmitz und seinen Geschäftspartner im badischen Calw richtet, soll nun geklärt werden, ob eine mangelhafte Sicherung der leerstehenden Bauten für den Todesfall verantwortlich ist.

Wie gestern berichtet, wird gegen die Gesellschafter der PEG außerdem wegen des Vorfalls am Wochenende ermittelt – wegen des Verdachts der „fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen“.

„Eigentum verpflichtet. Wir sind kein Wachschutz. Der Besitzer des Areals muss selbst für die Sicherung der Gebäude sorgen“, sagt Heiko Schmidt, Sprecher des Polizeischutzbereichs Brandenburg. Die Polizei hat selbst bereits Opfer auf dem weitläufigen Terrain zu beklagen gehabt: Vor rund zwei Jahren stürzte bei der Suche nach einer vermissten Patientin eines nahen Pflegeheims ein Suchhund ebenfalls in einen Schacht – er wurde verletzt.

Die Unfälle ereignen sich meist nachts, wenn Leben in die rund 100 Jahre alten Klinikgebäude kommt: Grusel-Touristen schwärmen aus. In der Gothic-Szene, die seit jeher mit Todes- und Verfallssymbolik kokettiert, haben die Heilstätten Kultcharakter.

Von einem „Feeling der Totenstille und der Eiseskälte“, berichten Blogger der Internet-Seite „www.geisternet.com“. Geisterjäger stromern mit Sensoren, Tonbandgeräten und Taschenlampen ausgerüstet durch die Hallen von Großküche, Badehaus, Heizhaus oder Arztzimmer. Glaubt man den einschlägigen Web-Portalen, gehören die Heilstätten zu den herausragenden Orten für Erforscher übersinnlicher Phänomene. Die einen hören die Stimmen jener Frauen, die der „Rosa Riese“ – ein perverser Ex-Polizist – in den 1990er-Jahren in Beelitz ermordet hatte, andere mieten sich mit ihren Messgeräten und Laptops in der Ferienwohnung in einem der Pförtnerhäuschen ein, in dem 2008 der Hobbyfotograf Michael F. das Gelegenheits-Fotomodell Anja P. ermordete. Mittlerweile hat die Heilstätten-Kulisse es zum Schauplatz des Computerspiels „Forgotten Asylum“ gebracht.

Je mehr Menschen zu Schaden kommen in Beelitz-Heilstätten, desto mehr fühlen sich Freunde des Morbiden angezogen – ein wahrer Teufelskreis. Es sind ausschließlich Auswärtige, die regelmäßig von der Polizei mit Platzverweisen belegt werden. Sie kommen aus Brandenburg/Havel, Luckenwalde, Berlin und von weiter her, um das Fürchten zu lernen. Viele der meist jungen Erwachsenen stellen später Filmchen oder Bilder ins Netz.

Die neuen Besitzer der Heilstätten haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Ruinen-Touristen. Einerseits erteilen sie Fotografen Sondergenehmigungen – etwa für Mode- oder Architekturaufnahmen. Andererseits kommen sie offensichtlich nicht hinterher mit dem Absichern der denkmalgeschützten Häuser gegen ungebetene Geister.

Eine der Errungenschaften der zu ihrer Bauzeit fortschrittlichen Anlage erweist sich jetzt als Fluch: das unterirdische Gangnetz. Es versorgte früher die verschiedenen Klinikteile mit Wärme und hielt im Winter die Wege darüber eisfrei. Nun sind seine Luken gefährliche Falltüren.

Auch der Beelitzer Bürgermeister Bernhard Knuth (Bürger-Bündnis Beelitz) will sich jetzt einschalten und bei einem Treffen mit dem Geländeeigentümer die Probleme ansprechen. „Es ist bekannt, dass sich diverse Gruppen in Heilstätten treffen. Als Stadt sind uns aber die Hände gebunden, weil wir nicht Eigentümer sind“, sagte Knuth gestern auf Anfrage.

Die Unfälle in der Ruinenlandschaft nannte der Bürgermeister „tragisch“. Er sei mit der ganzen Situation in Heilstätten „sehr unzufrieden“. Auch das Image der Stadt nehme Schaden, wenn das ehemalige Klinikgelände ständig in den Negativ-Schlagzeilen sei. „Und das in einer Zeit, in der wir das Bild von Beelitz zum Positiven wenden wollen“, sagte Knuth. (Von Ulrich Wangemann und Jürgen Stich)


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