POTSDAM - Es erinnert auf den ersten Blick an jene legendäre Unterrichtsstunde in der „Feuerzangenbowle“, in der Lehrer Bömmel seinen Schülern je nur einen „wänzigen Schlock“ verabreicht, um das Wunder der alkoholischen Gärung zu demonstrieren. Die Stunde endet bekanntlich im Chaos. Droht das auch an Brandenburger und Berliner Schulen?
Das Alkohol-Präventionsprojekt „Lieber schlau als blau“ läuft seit Herbst 2008 in Brandenburg an einigen Schulen bisher eher geräuschlos. Nun, da es nach Berlin exportiert werden soll, regt sich Protest. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) ist entschieden gegen das Brandenburger Modell: „Die Erkenntnis, dass Alkohol schädliche Wirkung hat, muss nicht jeder im Selbstversuch gewinnen.“
Denn das ist der Kern von „Lieber schlau als blau“: Jugendliche trinken unter pädagogischer Aufsicht Alkohol, um dessen Wirkung kennenzulernen und kritisch einschätzen zu können. Der sogenannte Trinkworkshop findet außerhalb der Schule, etwa in Jugendclubs oder Gaststätten statt. Dabei trinken 16 bis 17jährige zwei bis drei Trinkeinheiten, sprich: zwei bis drei kleine Bier, erklärt Simone Schramm von der Suchtpräventionsfachstelle, die das Projekt betreut. „Die Jugendlichen sind beschwipst, nicht betrunken.“ Vor, während und nach dem Trinken machen die Schüler Konzentrationsübungen. Alles wird per Video festgehalten, um den Jugendlichen hinterher zu demonstrieren, wie Alkohol wirkt.
Dass Schüler mit solchen Experimenten womöglich auf den Geschmack gebracht werden, hält Schramm für ausgeschlossen. „Es dürfen nur Schüler teilnehmen, die schon Alkohol konsumiert haben“, sagt sie. Ohne Erlaubnis der Eltern darf niemand mitmachen. „Alle Appelle an Jugendliche, mit dem Trinken nicht so früh anzufangen, fruchten nicht“, begründet Schramm den Ansatz. „Wir müssen die Jugendlichen da abholen, wo sie stehen.“
Alkoholmissbrauch ist ein in Brandenburg dramatisch wachsendes Problem. Vor zehn Jahren wurden pro hunderttausend Einwohner 127 Jugendliche unter 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt. 2008 waren es 423.
Als „Lieber schlau als blau“ kürzlich Berliner Eltern vorgestellt wurde, seien diese sehr aufgeschlossen gewesen, meint Schramm. Die Senatsverwaltung warnt vor dem Experiment, weil es der Präventionsstrategie des Landes zuwiderlaufe. Und die heißt: Schüler sollen möglichst lange vom Alkohol ferngehalten werden. Schramm kennt diese Skepsis. Auch in Brandenburg musste sie Anfangs Vorbehalte ausräumen. Sie sagt: „Für die Jugendlichen ist die Teilnahme am Projekt eine intensive Erfahrung, da kommen die Probleme wirklich auf den Tisch, ohne erhobenen Zeigefinger.“
Marie Luise von Halem, schulpolitische Sprecherin der Brandenburger Grünen, kritisiert, es sei eine archaische Vorstellung, Jugendliche durch Abschreckung zu schützen. Ausschließen, dass bei den pädagogischen Trinkexperimenten am Ende mehr herauskommt als ein Brummschädel, will sie jedoch nicht. Sie wünscht sich aber mehr Aufklärung über das Projekt, das aus ihrer Sicht „sehr viele Fragen aufwirft“.
Ulrike Witt, Sprecherin des Landesschülerrats, hat selbst noch nicht an einem der Trinkworkshops teilgenommen. Sie kann sich vorstellen, dass man damit mehr erreicht, als mit gut gemeinten Appellen oder mit Aufklärung im Frontalunterricht. „Alkoholmissbrauch ist ein sehr wichtiges Thema, das muss man so behandeln, dass man Jugendliche auch erreicht“, sagt sie. Für viele Schüler gehört Alkohol zum Feiern einfach dazu. „Das geht schon in der Sekundarstufe eins los.“ (Von Torsten Gellner)