Der Verlauf des Weges, der hinter dem schmiedeeisernen Gartentor beginnt, ist schon erkennbar. Alte Pflastersteine aus Granit säumen das künftige Kiesbett. Es wird ein altmodischer Gartenpfad werden, den Gärtnermeister Uwe Peglow (42) hier anlegt, verfüllt mit gelbem Promenadenkies, der in einem Rondell mit malerischer rosenumkränzter Pergola münden wird. Die soll eine Sitzgruppe beschatten, die seit hundert Jahren aus der Mode ist. Ein Rondell, wo später Lesungen und Konzerte zu hören sein werden. Gesäumt wird der Pfad von 16 Rosenstöcken längst vergessener Sorten.
Diese Rückbesinnung auf das frühe 20. Jahrhundert ist gewollt: Hinter dem Fachwerkhaus des Falkenseer Museums an der vielbefahrenen Falkenhagener Straße entsteht in Peglows Regie und unter Mitwirkung von Uwe Jens Graff, einem Mitarbeiter der Stadt, ein musealer Garten. Er ist der Dichterin Gertrud Kolmar gewidmet und wird in schöner Symbiose „Rosen und Gedichte“ präsentieren. Denn der Königin der Blumen widmete die jüdische Dichterin, die mit bürgerlichem Namen Gertrud Chodziesner hieß, viele ihrer Verse, die vorwiegend in den zwanziger und dreißiger Jahren im Villenviertel Finkenkrug entstanden sind. Eben dort, wo die Familie lebte und sich Vater Ludwig, ein Rechtsanwalt, als leidenschaftlicher Rosenliebhaber betätigte. Bis er und seine Tochter von den Nationalsozialisten gezwungen wurden, ihr Haus aufzugeben. Der Anwalt starb in Theresienstadt. Die Spur der Tochter verliert sich auf dem Transport nach Auschwitz. Sie wurde nur 48 Jahre alt.
Überlebt hat ihr Werk, in dem nicht nur die Natur, sondern viele Ebenen des menschlichen Seins auf wunderbare Weise beleuchtet werden. So lag es nahe, bei der diesjährigen Neugestaltung des Museums Gedanken und Gedichtzeilen aus Kolmars Nachlass zum Leitfaden der Exposition zu wählen. Es war die Idee von Gabriele Helbig, der Leiterin, das Hinterland – kaum größer als ein Schrebergarten und nur einmal im Jahr zum Backofenfest bevölkert – zum Kolmar-Garten umzugestalten. Er soll all die Rosensorten präsentieren, die einst die Lyrikerin besungen hat, und etwas von der bürgerlichen Gartenkultur der Vorkriegszeit vermitteln. Im Verein Kulturland Brandenburg, der sich in diesem Jahr dem Thema „Mut und Anmut. Frauen in Brandenburg-Preußen“ verschrieben hat, fand Gabriele Helbig ihren wichtigsten Geldgeber (Budget: 18 200 Euro). Und in Uwe Peglow, der in Hohen Neuendorf eine Gärtnerei und einen Handel mit historischen Bauelementen betreibt, ihren natürlichen Verbündeten. Den beiden zur Seite steht der Potsdamer Gestalter Albrecht Ecke, denn an jedem Rosenstock soll das ihm gewidmete Gedicht aus dem Zyklus „Bild der Rose“ auf einer Schautafel nachzulesen sein.
„Die Kolmar gab den Rosen ihre eigenen Namen“, sagt Peglow. „Und die sind viel fantasievoller, genauer und schöner als der Name der Züchtung.“ Bei Gertrud Kolmar heißen sie „Liebe“, „Traumsee“, „Marzipanrose“ oder „Rose in Trauer“. Der Gärtner ist kein Literaturkenner, aber er hat ein untrügliches Gespür für wahre Werte und kostbare alte Dinge. Er hat in einem der aussterbenden Traditionsbetriebe gelernt, im Karl-Foerster-Staudengarten in Potsdam-Bornim. Der Mann weiß, dass es beschwerlich werden wird, unter den 20 000 bekannten Rosensorten jene 16 aus ferner Zeit noch aufzutreiben. Selbst bei Rosen-Kordes in Norddeutschland, dem Rosenkönig, von dem einst auch Chodziesner seine Rosen bezog, musste man passen. Doch übers Internet fahndete sich Uwe Peglow durch die ganze Welt – und wurde fündig: Die Hälfte der 16 Sorten wurde ihm bereits in Aussicht gestellt. Er wird jeweils mehrere Exemplare ordern, es könnten ihm ja Rosenstöcke erfrieren oder anderweitig Schaden nehmen. Außerdem spielen die Protagonisten mit dem Gedanken, die Kolmar-Rosen auch zu vertreiben. „Denn es geht uns nicht um die museale Konservierung“, sagt Peglow. „Eine Rose lebt nur, wenn sie auch gepflanzt und gehegt wird.“
Im großen Stile werden diese aus der Mode gekommenen Sorten kaum abzusetzen sein, allenfalls bei Liebhabern. Rosen, die nur zwei Monate im Flor stehen, will kaum noch jemand haben. Dauerblüher sind gefragt. Auch wurden im Lauf der Zeit immer widerstandsfähigere Züchtungen auf den Markt gebracht. „Die aufwändige Pflege, die eine solche Rose erfordert, bringt heute kaum noch jemand auf“, bedauert der Gärtnermeister.
Doch er ist zuversichtlich, dass er bis auf zwei, drei Sorten die meisten ausfindig machen wird. Und was heute nicht ist, wird vielleicht später werden. Dieses Wartenkönnen ist auch etwas, was längst aus der Mode gekommen ist. Alles muss sofort und in Fülle verfügbar sein. Und so bezweifelt der Gärtner, ob dieser Rosengarten wirklich dem Massengeschmack entspricht. „Diese Rosen blühen zwei Monate, und dann? Es kann durchaus sein, dass die Poesie schöner ist als die Rose selbst“, gibt Peglow vorsichtig zu bedenken.
Daher wird er auch ein prächtiges Staudenbeet anlegen, das ganzjährig das Auge erfreut. Eine Trauerweide wird gesetzt, Rhododendren und Hortensien werden blühen. „Dieser Garten wird keine Rosamunde-Pilcher-Wohlfühlromantik bieten“, sagt der Mann mit Blick auf die schwermütigen Gedichte und das Schicksal ihrer Schöpferin, das stets an diesem Ort mitschwingen wird. Und doch ist er von dieser Idee bezaubert, ein lebendiges Denk-Mal in Form eines Garten zu setzen. Das steht der Gartenstadt Falkensee gut zu Gesicht, die zwar ein Heer privater Gärten vorzuweisen hat, aber das Thema bisher noch nicht aus ihrer Tradition heraus bearbeitet hat. Mit dem Kolmar-Garten wird sich das ändern. Er soll am 23. Oktober eröffnet werden. Dann werden Familienmitglieder der Chodziesners und am Projekt Beteiligte die Rosenstöcke setzen. Die blühende Pracht wird sich erst in den Folgejahren einstellen, sorgsame Pflege vorausgesetzt. „Gärten“, sagt Peglow, „sind an lebende Personen gebunden. Einer muss es mit ganzer Seele tun.“
Gesucht werden alte Gartensitzmöbel, Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Kontakt: (0 33 22) 2 24 44. (Von Hiltrud Müller)
Nur noch wenige Wochen, dann sind die Tage wieder länger als die Nächte. Der Abgesang des Winters wird am Himmel durch einen gut zu beobachtenden Wettlauf zwischen den Planeten Venus und Jupiter begleitet. Auch Mars und Saturn sind zunehmend besser zu sehen. Und man kann den Orionnebel genauer beobachten, ein Lieblingsobjekt der Hobby-Astronomen. Denn man schaut in einen „Kreißsaal“ für Sterne.
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