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26.07.2010

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MUSIK: Das feministische Kirchengesangsbuch

Gina Pietsch und Uwe Streibel mit Brecht

POTSDAM / FAHRLAND - „Wenn du stolperst, Schwester, ich halt dich“, nennen die Sängerin Gina Pietsch und der Pianist Uwe Streibel die „Frauenlieder aus sechs Jahrhunderten und sieben Ländern für Frauen und Männer und Frauen“, mit dem sie am Samstagnachmittag in der gutbesuchten barocken Dorfkirche in Potsdams ländlichem Vorort Fahrland auftraten. Die merkwürdige Formulierung „Frauen und Männer und Frauen“ erwies sich ziemlich schnell keinesfalls als Versprecher, denn die aus dem Umfeld von Oktoberklub, Gisela May und Ekkehard Schall stammende Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch ging auch unterm Kirchendach ganz unverkrampft mit Termini wie „Solidaritätskonzert“ und „Feminismus“ um.

Gleich nach ihrer auf Italienisch gesungenen Begrüßung „Donna ti vogli cantare“ des romanischen Liederbarden Angelo Branduardi platzierte sie deshalb Friedrich Hollaenders wunderbar freche Aufforderung zur politisch-parlamentarischen Rundum-Entsorgung von Männern „Raus mit den Männern aus dem Reichstag, raus mit den Männern aus dem Landtag…“. Das Lied, mit dem die große Claire Waldoff berühmt wurde, sang Pietsch mit viel Verve und überzeugender Rotzigkeit. Obgleich schon ein halbes Jahrtausend früher gesungen, qualifizierte Pietsch danach auch die Geschichte des Herrn von Falkenstein als „500 Jahre alte feministische Kostbarkeit“. Dabei sang sie das mutige Eintreten einer kämpferischen Liebsten für ihren vom Herrn von Falkenstein gefangen gesetzten Buhlen nicht nur mit Inbrunst, sondern spielte den Dialog der beiden Kontrahenten mit fast schon barocker schauspielerischer Gestaltvielfalt.

Wie sehr das Duo Pietsch/Streibel in der künstlerischen Interpretation ihrer Lieder verschmolzen, zeigten die beiden Bertolt Brecht/Kurt Weill-Lieder „Die Seeräuber-Jenny“ und „Das Lied vom Surabaya-Jonny“. Besonders hier brillierte nicht nur Pietsch mit ihrer lebendigen, immer auffällig mimisch und gestisch gestalteten Interpretation, sondern man hatte das Gefühl, dass auch Streibel jeden Moment aufstehen und mitspielen würde. Selten harmonierten Gesang und musikalische Begleitung so präzise, und dies lag eben genau daran, dass beide sich vollständig in die musikalisch-textliche Figurenzeichnung dieser beiden Stücke fallen ließen und darin auch innerlich aufgingen. Wie sehr neben solcherart dramatischer Interpretation auch das feinsinnig-komische und giftig-ironische Element eines Georg Kreisler zu den Stärken dieser beiden Künstler gehört, zeigte der Liedvortrag „Die Wahrheit vertragen sie nicht“. Genüsslich sang Pietsch die Zeilen: „Es geht den Männern heute an den Kragen, / Sie werden erdrosselt, sie werden erschlagen./ Ist es ein Wunder wenn man diese Kerle ersticht?“

Nach dieser mörderischen Diagnose Kreislers in Sachen Frauenemanzipation klang es beinahe wie eine Entschuldigung, als Pietsch ihr letztes Lied ihrem künstlerischen Begleiter Streibel widmete. Beifall haben die beiden aber von Männern und Frauen gleichermaßen bekommen. (kro)


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