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27.07.2010

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GESCHICHTE: „Das vergessen Sie nie“

In Gildenhall trafen sich rund 550 Vertriebene, die mit Neuruppin eng verbunden sind

NEURUPPIN - Kein Tag ist Rudi Jachmann (73) so eindringlich in Erinnerung geblieben wie dieser. Der 30. Juni 1945. Da standen die russischen Soldaten vor der Tür, schauten auf die Uhr und sagten barsch: „Eine halbe Stunde.“ Rudi Jachmann war damals ein Bengel von acht Jahren. Aber er spürte ganz genau, was diese halbe Stunde bedeutete. Wut, Existenzangst, Verzweiflung – und unbändige Trauer.

Die Familie des kleinen Rudi packte, was sie konnte in einen kleinen, eisenbeschlagenen Handwagen. „Ja, was war schon wichtig? Bettwäsche – für die alten Leute“, sagt Jachmann. Sein Vater lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Mit seiner Mutter und vielen Tausenden schloss er sich dem Treck westwärts an. Ob er sich an die Gedanken erinnere, die ihm in diesen Minuten durch den Kopf gingen? „Natürlich“, sagt er. „Das vergessen Sie nie.“

Einmal im Jahr, wenn der Heimatkreis Züllichau-Schwiebus sein großes Treffen ausrichtet, gehört das Gelände des Seehotels Gildenhall den Geschichten von Menschen wie Rudi Jachmann. Sie alle sind ähnlich, aber sie alle sind einzigartig. Rund 550 Vertriebene aus dem ehemaligen Landkreis sind dieses Mal gekommen. In den Jahrzehnten nach dem Krieg hat es sie in die gesamte Bundesrepublik verschlagen und viele der Senioren sind inzwischen 90 Jahre alt. Manch’ einer von ihnen muss sich zu diesem 20. Treffen geradezu körperlich quälen. Die Hüpfburg auf dem Festgelände ist reichlich deplatziert.

Die Neuruppiner Gegend ist mit der Geschichte der Vertriebenen aus Züllichau-Schwiebus besonders eng verbunden: Denn der Vertreibung im Sommer 1945 ging eine große Flüchtlingswelle im Januar voraus. Ein Großteil der nun Heimatlosen kam zunächst in Neuruppin unter. Jene, die dann in die Bundesrepublik zogen, gingen mit ihrem Schicksal offensiv um; schnell wurden erste Landsmannschaften gegründet. „Aber wir, die wir in der DDR lebten, mussten bis zur Wende unsere Geschichte verheimlichen“, sagt Inge Stark. Die 76-Jährige ist die Vorsitzende des Neuruppiner Bundes der Vertriebenen. Als 1991 über 1500 einstige Züllichau-Schwiebuser zum ersten bundesdeutschen Treffen nach Gildenhall kamen und sich auch die DDR-Bürger zu erkennen gaben, war das wie eine Erlösung: „Da war ein großes Erstaunen, dass viele, mit denen man jahrelang zusammengearbeitet hatte, auch Vertriebene waren.“ Unzählige Freundschaften entstanden in Gildenhall oder wurden erneuert – nach knapp fünf Jahrzehnten der Trennung. „Viele sind sich hier zum ersten Mal wieder begegnet“, erzählt Inge Stark.

Doch bis heute sind seelische Verletzung und Verwundung da. „Schreiben Sie nicht so viel“, sagen einige. In manchen Gesichtern ist so etwas wie Misstrauen zu lesen. Doch die meisten Gäste des Heimatkreistreffens sind einfach vertieft – in Erinnerungen und Gespräche. In Zelten haben sie sich, geordnet nach ihren ehemaligen Heimatorten, zusammengefunden.

Am Tisch der Unruhstädter und Karger – zwei Orte aus dem früheren Landkreis Züllichau-Schwiebus – sieht man Rudi Jachmann wieder. Rund ein Dutzend sitzen mit ihm in dieser Runde. Sie alle sind im ehedem südöstlichsten Zipfel Brandenburgs aufgewachsen. „Na ja, halb aufgewachsen“, sagt Jachmann. Er kam nach Wuthenow. Als Landtechniker arbeitete er später in Radensleben, nun wohnt er dort auch.

Am liebsten erzählt Rudi Jachmann von den Flegeljahren. Bis an die Wuthenower Lanke kam die Fähre, um ihn nach Neuruppin zur Puschkinschule zu bringen. Endlich begann für Rudi eine unbeschwertere Zeit.

„Eigentlich heiße ich ja Rudolf“, sagt Jachmann noch beim Verabschieden auf die Frage, wie er denn nun tatsächlich heißt. „Aber wer sagt schon Rudolf?“ (Von Juliane Felsch)


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