BERLIN - Ein halbes Jahr nach dem Bekanntwerden von sexuellem Missbrauch an deutschen Jesuitenschulen haben die Opfer einen konkreten Vorschlag des Ordens für finanzielle Entschädigung gefordert. Auch Therapiekosten müssten übernommen werden. Das sagte Matthias Katsch, Vertreter der Betroffenengruppe „Eckiger Tisch“, gestern vor Journalisten in Berlin. Es gehe nicht länger um Entschuldigungen, sondern um Summen, die dem Orden „weh tun“. Der Orden aber will weiter auf eine bundesweite Lösung am Runden Tisch der Bundesregierung warten, der im September wieder tagt. „Wir denken darüber nach, mit einer eigenen Position da hineinzugehen“, sagte Ordenssprecher Thomas Busch.
Der Missbrauch an Jesuitenschulen liegt oft mehr als 20 Jahre zurück. Das Berliner Canisius-Kolleg hatte ihn im Januar öffentlich gemacht – und zwar auf Druck von Opfern, wie Katsch informierte. Er nannte den Schritt von Canisius-Rektor Pater Klaus Mertes „klug, aber nicht mutig“. Mutig, so Katsch, seien die Opfer, die an die Öffentlichkeit gegangen sind. Viele hätten danach zum ersten Mal ihren Partnerinnen von dem Missbrauch berichtet, dem sie in ihrer Kinder- und Jugendzeit ausgesetzt waren. Seit er darüber spreche, sagt Katsch, sei er wieder „Herr seiner Biografie“. Das fühle sich gut an.
Das Wort Entschädigung gebraucht Katsch nur ungern, wenn es um die Forderungen an den Jesuiten-Orden geht. Er spricht von „finanzieller Genugtuung“. Zahlen nennt er nicht, verweist aber auf Österreich, wo es ebenfalls Missbrauch an kirchlichen Einrichtungen gab. Dort habe die Kirche einen Opferfonds aufgelegt, der eine Entschädigung in Höhe von 5000, 15 000 oder 25 000 Euro vorsehe – je nach Schwere der Vorfälle. Katsch sieht die Staffelung aber als problematisch an. Die Opfer müssten detailliert schildern, was ihnen angetan wurde, um dann in eine Art Opferklasse eingruppiert zu werden.
Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) stellte ihren Bericht über die Verantwortung des Jesuitenordens „in bestimmten Fällen von sexuellem Missbrauch durch Mitglieder des Ordens“ vor. Danach sind 205 den Jesuitenorden betreffende Meldungen eingegangen, die meisten im Zusammenhang mit Berlin. Fischers Gutachten ist bereits das zweite zu dem Thema. Den ersten Bericht hatte die Rechtsanwältin Ursula Raue Ende Mai vorgelegt. Die Opfervertreter waren damit unzufrieden. Nach ihrer Ansicht ist Raue zu sehr in den Orden integriert. Vor diesem Hintergrund haben die Jesuiten den zweiten Auftrag an Andrea Fischer vergeben.
Fischer hat durchaus gute Erfahrungen gemacht bei ihren Recherchen: Sie habe, sagte sie gestern, keinen Zweifel daran, dass die Jesuiten die Vorfälle aufklären wollen. Letztlich aber fällte sie ein hartes Urteil: Der Jesuitenorden habe in den Fällen sexuellen Missbrauchs als pädagogische und moralische Autorität versagt. Vor allem zeigte sich Fischer empört, dass ein ehemaliger Provinzial wie Alfons Höfer noch Anfang der 1990er Jahre wegen der Geheimhaltungspflicht keine Möglichkeit gesehen haben wollte, nach entsprechenden Hinweisen von sich aus an mögliche Missbrauchsopfer heranzutreten. Wie die Opfer selbst, verlangt auch Fischer eine Entschädigung. Die Jesuiten hatten kürzlich darauf hingewiesen, dass es zum Beispiel auch in Sportvereinen zu Missbrauch gekommen sei. Für den Kinder- und Jugendtherapeuten Jürgen Lemke ist das kein Argument: Die Jesuiten, sagte er, sollten sich um ihre Opfer kümmern, nicht um die in den Vereinen. (Von Stephan Laude)
Aus dem Bericht von Andrea Fischer: Täter und Taten:
Pater Anton: Er wurde 41 Mal im Zusammenhang mit Missbrauch am Canisius-Kolleg genannt. Sein Missbrauch erfolgte im Rahmen der Jugendarbeit der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL). Er stellte Jugendlichen intime Fragen und forderte sie auch auf, vor ihm zu onanieren. Einzelne Versuche von Eltern, bei der Schule zu intervenieren, sind Mitte der 1970er Jahre ohne Folgen geblieben. Erst später wurde Pater Anton versetzt. Er lebt inzwischen nicht mehr.
Pater Bertram: Ihm wird vorgeworfen, Kinder auf das bekleidete oder entblößte Gesäß geschlagen zu haben, auch mit einem Teppichklopfer oder Peitschen. Der Pater sah bei sich selbst Therapiebedarf. Er lebt heute in Chile.
Pater Christian: Ihm werden mindestens zwölf Missbrauchsfälle zur Last gelegt, alle vor 1982. Einige gab er zu. Er betreut heute in einer Jesuiten-Einrichtung ältere Mitbrüder.
Lehrer Dieter: Er soll unter anderem einen Jungen geschlagen haben und sein Gesäß danach mit Franzbranntwein eingerieben haben. Der Lehrer weist die Vorwürfe zurück. stl