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28.07.2010

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HISTORIE: Ein Foto von der Lüge

Schwedische Jugendliche in Gedenkstätte Sachsenhausen/ „Arbeit macht frei“ wird oft fotografiert

ORANIENBURG - Jim Silverberg kennt die Szenerie, die alten Gebäude und die schreckliche Geschichte. Trotzdem hört der 30-jährige Schwede aufmerksam zu, als Stefan Boberg über die verschiedenen Epochen des Sachsenhausener Konzentrationslagers referiert. Ab und zu recken sich die Arme von Silverbergs Schützlingen in die Höhe. Junge Schweden, 14 bis 15 Jahre alt, lauschen, Boberg, dem Geschichtsguide der Gedenkstätte.

Der 31-Jährige erzählt regelmäßig von den dunklen Kapiteln des ehemaligen Lagers. Und das sogar auf Englisch. Er gehört zu den 18 freien Mitarbeitern der Gedenkstätte, die Besuchergruppen über das Areal führen. Sie ergänzen die festangestellten Guides, die dort auch ganze Projekttage mit Schülern organisieren. „Vor allem dieses Angebot ist für uns sehr wichtig“, erklärt Horst Seferens, Pressesprecher der Gedenkstätte. Bei den aufwändigen Projekten könne das Wissen besser vermittelt werden als bei einer Führung.

Doch auch die Rundgänge werden von den Besuchern der Gedenkstätte stark nachgefragt. Allein im letzten Jahr kamen zirka 400 000 Besucher nach Sachsenhausen. Für dieses Publikum wurden 2394 Führungen durchgeführt, erklärt Pressesprecher Seferens. 60 700 Teilnehmer, davon 22 000 aus dem Ausland, lernten dabei die Hintergründe des Lagers kennen. Zirka die Hälfte der Besucher war unter 21 Jahre alt. Der Andrang auf die Führungen ist groß. „Aus Kapazitätsgründen können wir gar nicht alle Anfragen positiv bestätigen“, so Seferens.

Eine der Touren sicherten sich frühzeitig die jungen Schweden aus der Nähe von Stockholm. Denn Gruppenleiter Jim Silverberg hatte schon bei einem Besuch im letzten Jahr gemerkt, dass die geführten Rundgänge sehr begehrt sind. „Damals haben wir einfach den Zug nach Oranienburg genommen, viel gesehen, aber nicht alles verstanden“, erklärt der 30-Jährige. Für ihn gehört die Historie des Sachsenhausener Konzentrationslagers zur „umfangreichen Geschichte Berlins“.

Seine 20 Schützlinge, die sich in Berlin auch auf ihre Konfirmation vorbereiteten, hatten bisher nur einige der Details im Geschichtsunterricht gelernt.

Im Besucherzentrum erwartete die Jugendlichen nun Guide Stefan Boberg mit seinem riesigen Hintergrundwissen. Auf Englisch präsentierte er einen kurzen Überblick über die verschiedenen Epochen des Lagers. Denn die sind vielfältig. Zu ihnen gehört nicht nur das Lager der Nationalsozialisten, sondern auch das sowjetische Speziallager Nummer Sieben, das die Flächen nach dem Krieg nutzte – spürbar geschichtliches Neuland für die jungen Schweden.

Sie hatten schon mit Abkürzungen wie „SS“ ihre Schwierigkeiten. Mit Securiy-Squad, also Sicherheitsstaffel, übersetzte Boberg das Kürzel. Doch auch das Klinkerlager, in dem die Lagerinsassen zwangsweise arbeiten mussten, hinterfragten die Jugendlichen: „War es eine besondere Strafe, dort zu schuften?“, fragte Ture Butler, der sich bereits Zuhause genauer mit der Geschichte der Konzentrationslager beschäftigte.

Leicht verständlich erklärte der 31-jährige Boberg dem 18-jährigen Ture den perfide geplanten Weg der Lagerarbeiter von der Station A, dem Eingangsturm, bis zur letzten Station Z, den Verbrennungsöfen. Danach herrschte eine unbequeme Stille unter den Schweden, auch weil sie kurz danach das Eingangstor mit dem zynischen Spruch „Arbeit macht frei“ überwanden.

Mit behutsamen Fragen versuchte Geschichtsguide Boberg die Stille zu lockern und den Besuchern ihre Hemmungen zu nehmen. „Viele junge Besucher kommen hier mit einem sehr hohen emotionalen Erwartungsdrucks an“, erklärt der 31-Jährige. Diese Ängste versucht Boberg den Besuchern zu nehmen.

Die Schwedin Nina Bengtsson kann ihre Gefühle dagegen schwer in Worte fassen. „Es ist schwer, mit den vielen Infos umzugehen. Es macht mir auch Angst, weil man merkt, dass Menschen diese schrecklichen Dinge getan haben“, erzählt die 17-Jährige, die zusammen mit Ture die junge schwedische Gruppe bei ihrem Ausflug begleitete. Für sie ist klar, dass man junge Leute über diesen Teil der Geschichte informieren sollte, damit „so was nie wieder passieren kann“.

Eine Führung (bis 15 Teilnehmer) über die Gedenkstätte kostet 15 Euro. Ohne Guide ist der Eintritt frei. (Von Max Zimmermann)


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