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29.07.2010

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WORKCAMP: Meter für Meter Geschichte freilegen

Jugendliche vom Verein „Mittendrin“ arbeiten auf dem Siemens-Gelände in Ravensbrück

FÜRSTENBERG - Schräg hinterm Ehrenmal „Die Tragende“ in der Mahn- und Gedenkstätte beginnt ein Weg, der schnell an einem Zaun endet. Dahinter befindet sich das ehemalige Siemens-Lager. Der deutsche Konzern hatte dort Produktionshallen errichtet, „mietete“ für eine Reichsmark pro Tag Häftlinge aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, die dort zur Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen wurden. Nach 1945 nutzte die Rote Armee das Gelände. Seit dem Abzug der Truppen passierte dort nichts, die Natur hat sich das Terrain zurückgeholt.

Damit nicht noch mehr Gras über den authentischen Ort mit seinen Gebäuden, Fundamenten, Wegen und dem Bahngleis wächst, haben sich Jugendliche bereit erklärt, dort Wildwuchs zu beseitigen. Sie kommen aus Neuruppin und Umgebung, gehören zum Verein Jugendwohnprojekt „Mittendrin“. Ihr antifaschistisches Workcamp in Ravensbrück findet vom 24. bis 30. Juli statt. Thomas Kunz, pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte, betreut die jungen Leute, die in der Mehrzahl weiblich sind.

Vereinsvorsitzender ist Oliver „Otti“ Leonhardt: „Wir sind alles Leute, die in irgendeiner Form Gesellschaftskritik üben. Unser Haus, das ein alternatives soziales Jugendzentrum ist, und einzelne Bewohner werden regelmäßig von Neonazis angegriffen. Wir wollten wissen, wo das herkommt und fingen an, uns mit der Ideologie zu beschäftigen. Im vergangenen Jahr besuchten wir deshalb in Ravensbrück ein Seminar zum Faschismusbegriff.“ Inzwischen waren „Mittendrin“-Jugendliche auch in der Gedenkstätte Buchenwald, und nun sind sie zum ersten Mal als Workcamp in Ravensbrück. Der Aufenthalt dort ist vom Bundesprogramm „Lokaler Aktionsplan“ gefördert worden. Wie alle Workcamper sind auch die Neuruppiner in der Jugendherberge Ravensbrück untergebracht.

Drei Pflegeprojekte auf dem Siemens-Gelände sind den Neuruppinern übertragen worden: den Betonweg zum ehemaligen Lager freilegen, Gras und Gestrüpp vom Bahngleis entfernen und die Grundplatten der einstigen Fabrikhallen vom Unkraut befreien. Das ist eine körperlich anstrengende Arbeit. Dazu kommt, dass die Tage in Ravensbrück mit noch mehr als der Tätigkeit auf dem Siemens-Gelände angefüllt sind: Spurensuche im Archiv, Vorträge und der tägliche Lesekreis auf dem Fürstenberger Marktplatz. „Das kostet Kraft, und wir merken, wie sie jetzt langsam nachlässt. Wir müssen mehr Pausen machen“, sagt „Otti“.

Neben der „normalen“ Arbeit haben sich die Jugendlichen noch zwei besondere Projekte für diese Woche vorgenommen. Heute werden sie von 15 bis 17 Uhr ein Aktionsprogramm auf dem Fürstenberger Marktplatz gestalten. Das beinhaltet Beiträge über Ravensbrück, die durchaus auch aktuellen Bezug haben. „Unsere Auffassung ist, dass Siemens keine Verantwortung für die Geschichte übernommen hat. Anfang der 60er-Jahre zahlte der Konzern zwar einigen der ehemaligen Zwangsarbeiter kleine Entschädigungen, doch dafür mussten sie unterschreiben, nie wieder Forderungen zu stellen. Erst Ende der 90er-Jahre wurde Siemens verpflichtet, in den Fonds ’Erinnerung, Verantwortung und Zukunft’ einzuzahlen. Die Geschädigten hatten drei Jahre Zeit, um Ansprüche anzumelden, und hatten auf maximal 3000 Euro Anspruch. Und das für teilweise sieben Jahre Zwangsarbeit“, empört sich „Otti“. „Ich glaube, wir werden Siemens mal auf die Bude rücken.“ Auch auf einem Schild, das die Jugendlichen anfertigen und am Eingang zum Gelände aufstellen wollen, wird zu lesen sein, dass Siemens Zwangsarbeiter ausgebeutet und bis heute nicht ausreichend entschädigt hat. (Von Anke Dworek)


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