RAGOW - Im Band über die niederdeutsche Sprache in den neuen Bundesländern gibt es auch ein Brandenburg-Kapitel. Gleichwohl wird es mit einer Notiz eingeleitet, die den Leser irritiert: „Meines Erachtens wird kein Niederdeutsch in Brandenburg gesprochen“, schreibt ein Mitarbeiter der Staatskanzlei an den Herausgeber. „Der wusste vermutlich nicht, dass Plattdeutsch und Niederdeutsch dasselbe ist“, kommentiert Pfarrer Dietrich Wegmann lakonisch. Er ist der leibhaftige Beweis dafür, dass man auch im Dahmeland noch Platt snakkt. Oder es wenigstens versteht.
Wenn der Theologe mit alten Ragowern ins Gespräch kommt, und sie auf Platt anredet, „antworten sie mir zwar Hochdeutsch, aber sie verstehen alles“. Er selbst ist auch nicht „zweisprachig“ aufgewachsen, abgesehen von einigen plattdeutschen Versen, die Wegmann als Bub von der Großmutter aufschnappte, achtete die Familie aus Berlin-Bohnsdorf peinlich darauf, Hochdeutsch zu kultivieren. Lebhaft hat er die Szene vor Augen, als seine Großtante die Mutter anherrschte, sie solle mit den Jungen nur bloß nicht diese Bauernsprache sprechen. „Junge Damen gingen zu Bürgerfamilien in Stellung und sprachen fortan vornehm Hochdeutsch, auch wenn sie gelegentlich ,mir’ und ,mich’ verwechselten.“ Was in Berliner Gassenhauern ein Kunstgriff wurde, blieb auf der Straße verpönt.
Als Student kaufte Dietrich Wegmann eine plattdeutsche Bibel und fand langsam zum Niederdeutschen – das übrigens nicht zu den Dialekten zählt – zurück.
Umweg oder Abkürzung, wie man es nimmt, war die Gebärdensprache. Wegmann ist Gehörlosenpfarrer, als solcher musste er sich „eine einfache, wenig umfangreiche Kommunikation“ aneignen. „Deutsch ist für Gehörlose wie eine Fremdsprache. Nebensätze kennen sie zum Beispiel gar keine. Ähnlich funktioniert Plattdeutsch, schlicht und direkt.“
Das Platt brachte die Hanse nach Brandenburg. Zurückgedrängt haben es Luthers einheitlich hochdeutsche Bibelübersetzung und der Dreißigjährige Krieg: „ Es kamen Pfarrer aus Schlesien, Süddeutschland und Sachsen in die Region, die trieben den Gemeinden ihre plattdeutschen Bibeln aus.“ Ein solcher war der reformierte Sachse Paul Gerhardt. „Dabei dürfte er in seiner Jugend noch Platt gesprochen haben“, kann Dietrich Wegmann seinen Kirchenliedern ablesen: „Was grammatikalisch falsch klingt, verweist meist auf die alte Sprache.“
Im Lied „Nun lasst uns gehen und treten“, lautet ein Vers in der alten Übertragung „lässt Gott ihm seine Kinder“. Das Sprachgefühl fordert ein ,uns’, so steht’s auch in der neuen Übersetzung. Das Niederdeutsche erinnert ein wenig an Holländisch. Dietrich Wegmann ist über den Vergleich erfreut, er kann ihn nämlich bestätigen: „In meinen plattdeutschen Gottesdiensten waren öfter Niederländer, die haben alles verstanden.“ Regelmäßig reist der 77-Jährige im Dienst der aussterbenden Sprache über Land, bisweilen übersetzt er selbst Lieder. Eine Berliner Fangemeinde reist ihm ins Brandenburgische nach, so dass sich stets ein Lektor findet. Am 8. August, 10.30 Uhr, predigt er in Sankt Moritz zu Mittenwalde. Worüber, steht noch aus. Etwas Falsches mag Dietrich Wegmann nicht zu Protokoll geben, „auf Platt lässt sich kaum lügen“. tan